Montag, 20. April 2009

Frostelich, aber nur wettermaessig





Jetzt wird es schon richtig kalt hier. In der Früh ist alles mit Reif überzogen und die Äpfel sind eiskalt, wenn wir sie dann doch um frühestens neun oder zehn pflücken dürfen, so dass ich weisse Arbeitshandschuhe aus dem omnipräsenten Allesdandler „the warehouse“ trage. Gelbe Blätter fallen von den Bäumen und es ist wirklich herbstlich geworden, so dass wir brav unser Feuerchen in unserem Cardboardhäuschen anzünden und uns zusammenkuscheln, wenn wir nicht gerade um Kleinigkeiten wie das rechte Käsereiben kabbeln. Meine Hände sind täglich voller kleiner schwarzer Dörnchen, die ich mit der Nadel herausziehe und die Zeigefinger rissig und rau. Arbeiterhände sind das geworden. Ich weiss genau, wann das Wetter wie war und bin fast wie ein Farmer abhängig von den natürlichen Gegebenheiten. Wenn die Jugend über die Bande schlägt mit Drogen, Alkohol und Bandenkriegen und den Respekt vor allem und jeden verliert, solle man sie raus aufs Land schicken, der Natur ausgesetzt, meint Jay Griffith in ihrem „Wild“ und ich glaube es ihr. Das tägliche Draussensein verändert den Charakter und macht ein bisschen ehrfürchtig.

Aber weder der Bellbird, der uns mit seinem nananana! Gepfeife aufzuziehen scheint, noch der Fantail, der uns aus der Nähe mit einem Pfeifvortrag mit schiefgelegtem Kopf über korrektes Pflücken belehrt, lassen sich von der Kälte irritieren. Langsam gehen uns auch die Äpfel aus. Nach einem zweiten Fuji-Pick (japanische Äpfel, die mit einer Ananas gekreuzt wurden und tatsächlich auch so schmecken) und einer weiteren Runde Braeburn, sind wir nun an grossen roten Pacific Roses. Leckere Äpfel, die sich auch gut pflücken lassen und hier sehr beliebt sein sollen, nur leicht verkratzen sollen. Dann erwarten uns noch die Granny Smiths, die auch leicht braune Druckstellen kriegen. Mit verschiedenen Taktiken heitern wir unseren Tag auf: kleine Raufereien und Apfelwerfen aus dem Hinterhalt, über die Bäume gebrüllte Unterhaltungen und vor allem die beliebten Wettkämpfe- wie schnell können wir unsern Bin füllen, wer füllt seinen schneller, wer ist öfter und schneller auf der Leiter? Manchmal packt mich dann am Nachmittag ein zweiter Schwung und wenn Leo schon heimgegangen ist, pflücke ich noch einen Rekordbin mit Musik, lautem Mitjohlen, geistig meilenweit entfernt von den Äpfeln, fast ein bisschen in Trance. Leider büsst meine Lauferei dann und ich habe das Gefühl, fett und unfit zu werden. Jetzt ist die Zeit, Geld zu scheffeln, fit werden hat danach wieder Priorität.

Leo konnte ich davon überzeugen, dass es ganz gut für uns ist, vegetarisch zu leben. Ausgeschmückt freilich mit frisch gefangenem Lachs und Forelle, die Glen und Sascha mit schöner Regelmässigkeit vorbei bringen. Leo verarbeitet den Fisch zu fishcake, was man wohl mit Fischküchlein übersetzen könnte und bäckt Muffins, was ihm wiederum hie und ein wenig selbstgepflanztes und geerntetes Gras einbringt. Der Naturalienhandel läuft rege, momentan warten wir auf eine Lieferung geräuchterten Fischs von Earl, der ebenfalls mal Koch war und hier vom Land, seinen Hasen und Fischen so gut lebt, dass er mit seiner Katze Missy mit zehn Dollar Lebensmittel wöchentlich auskommt.

Mittlerweile sind wir acht Deutsche hier und hatten gar einen kleinen deutschen Partyabend, der um halb zehn natürlich sein züchtiges Pflückerende fand. Die anderen Deutschen reisen für längere Zeit und kommen aus Berufen wie dem strategischen Einkauf, eine Industriekauffrau, eine Architektin, eine Photographin und ein Mediendesigner und ein Landschaftsgärtner. Mark, der Mann aus dem Einkauf, interessiert sich für Philosophie, vor allem die Frage, ob wir Dinge so wahrnehmen können, wie sie sind oder ob wir immer mit so etwas wie einer Schablone durch die Welt laufen und sie den Dingen und Menschen aufpressen. Er hatte Frau und Haus und Auto und diesen Karrierejob. Er hatte das Gefühl, da schnell reingekommen zu sein und immer mehr gewollt zu haben. Mehr Geld, eine Beförderung, aber das Reisen war weiter im Hinterkopf und irgendwann gings nicht mehr anders und er liess sich scheiden und verkaufte, was er hatte. Nun sitzt er hier, viel zufriedener mit neuer Freundin und liest „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Arbeiten könne man ja immer, meinte er, aber zurück wolle er jetzt sicher nicht. Oft treffe ich Reisende, denen es ähnlich geht, die sich in ihrem Büroalltag eingesperrt und nicht zugehörig gefühlt haben und denen die Äpfel hier lieber sind als ihre Anzüge, Computer und Meetings. Die Verpflichtungen hier sind kurzfristig und konkret. Jochen und Alex pflücken, um nach Asien reisen zu können und ich tue es, um hier weiterreisen zu können und mein Skifahren zu finanzieren und nach Australien fliegen zu können. Und zwischendrin wechselt man die Ausrüstung den Jahreszeiten entsprechend und arbeitet für ein paar Schuhe und einen neuen Schlafsack. Ein Schlafsack kostet vier Bins und die Kosten für eine Woche Miete und essen sind mit drei Bins abgedeckt. Es ist nie ein Aufhäufen und es ist keine Orientierung in eine ferne Zukunft. Trotzdem ertappe ich mich bei der Frage, wo ich wohl in zehn Jahren stehen werde. Und manchmal denke ich, dass mich eine halbwegs sichere Antwort wie die vermutlich immer noch in einer bestimmten Abteilung in einem bestimmten Bereich zu arbeiten mehr ängstigen würde als keine Antwort und das Gefühl, nicht festgelegt zu sein. Was aber immer da ist bei all meinen Gedanken über mein bisheriges Leben, ist eine grosse Dankbarkeit. Für die Ausbildung, meine Schulzeit und die Uni, für all die Leute, mit denen ich befreundet und bekannt bin, für die vielen Geschichten, die man mit mir geteilt hat, für die Orte, zu denen ich reisen durfte. Und ich stelle fest, dass ich mit all dem doch ein glücklicher Mensch bin.

In zwei Wochen wird’s vorbei sein mit Pflücken. Das waren dann fast zehn Wochen pflücken, die bis jetzt sehr gut vergangen sind und mit einem grossen Barbecue abgeschlossen werden sollen, wie man uns erzählt hat. Eine weitere Gemeinschaft, die ich Wahlzigeuner verlassen werde müssen. Wir könnten weiter Saisonarbeit machen und Kiwis pflücken oder Weinstöcke beschneiden, hat man uns erzählt. Wir sind noch nicht recht entschlossen. Mein Ziel ist sicher skifahren, davor noch die Gegend erwandern und am besten wwoofen. Das Schlafen im Auto könnte ein wenig frisch werden. Wir werden sehen.

Wie wird es sein, mit Leo zu reisen und nicht nur zu arbeiten? Wir mögen uns sehr und verstehen uns manchmal mit einem Blick. Ein Faktor, der besonders nützlich zu sein scheint ist, dass wir beide das Alleinesein lange geübt und schätzen gelernt haben. Ich lasse ihn in der Küche pusseln und er mich lesen und laufen und mit anderen Leuten plaudern und „aufzünden“. Trotz aller Toleranz habe ich manchmal meine Zweifel, weil wir doch so unterschiedlich sind. Er eher ruhig und ich nicht ganz unauffällig und ich oft versunken in Gedanken an die Philosophie, mit Fragen nach Metaphysik und Logik, die ihm sehr fremd sind. Er findet das nicht schlimm und freut sich, wenn ich ihm alles mögliche beibringe und findet es gut, wenn ich ihm mit Argumenten auseinandersetze, was ich denke und womit ich so meine Probleme habe. Und ich übe meine Geduld, wenn er meine Fragen nicht recht versteht und so viele Dinge nicht unterscheidet. Wir haben uns nun entschieden, einstweilen zusammenzusein und vielleicht klappt das auch für länger. Wir gehen nicht nur finanziell kleine Schrittchen, sondern können das auch als Paar tun.

Samstag, 18. April 2009

Die Anderen






Hilfe- feindliche Subjekte in unserer happy family hier! Wir haben sie gesehen und der Start unserer zarten Beziehungen wies sehr richtig in die Zukunft. Simon und Sarah sind beide Köche und sollten die Franzosen ersetzen, die hier gepflückt haben und die sich nun mit Eisäxten gen Mount Cook aufgemacht haben. (Man rechnet mit zwanzig Stunden Fussmarsch, ich habe sie aber kein einziges Mal joggend oder anderweitig ihre Kondition trainieren sehen. Wenn die Zeitungen nicht von ihnen berichten, ist das vermutlich ein weiteres Indiz für ihre masslose Schlechtigkeit.) Simon und Sarah lernte ich kennen, als ich sie fröhlich in der Früh begrüsste und mich vorstellte. Da kam dann gleich ein böser Blick und ein Seufzen, mein Vorname sei zu schwierig. Ich konterte damit, dass wir hier eine ganze Sprache lernen müssen, da wär doch für ihn ein Wort nicht zu viel verlangt. Seltsam, dass er es nach diesem kleinen Kommentar auch wirklich tadellos herausbrachte. Phil, ein weiterer Kiwi, der Fernsehjournalismus studiert hat und Geld fürs Reisen in die UK erpflückt, stiess auf die beiden (mit einem Blick, wie Phil berichtet, der verhiess: Wen kann ich als erstes mit meinem Maschinengewehr über den Haufen schiessen?) und die erste Frage von Simon war, was Phil denn danach machen würde, he? Ob er dann arbeitslos sei oder was, he? Die Freude uferte dann ganz aus, als sie ihre Bäume alle unten pflückten und die schwierig mit der Leiter zu erklimmenden Spitzen uns lassen wollten. „Tut uns Leid, Ihr könnt ja nun in unserer Reihe weiterarbeiten, wir gehen woanders hin.“ Das gab eine Ermahnung von Peter und den nahezu sicheren Hass der ganzen Crew, die sie nun argwöhnisch betrachtet, wenn Sarah wieder in ihren feinen hochhackigen Schühchen mit ihrem Miniröckchen zwischen uns in unseren Dreckklamotten über die Wiese wackelt. All das ist für mich als Sozialstudie ausgesprochen spannend. Wir sind ca. 25 Leute, klar, jeder hat seine Eigenheiten und Macken, aber man spielt so fair wie nur irgend möglich. Da wird den anderen geholfen, ein freundlicher Kommentar gemacht, die Fischer unter uns versorgen die anderen mit Lachs und Forelle, die Bäcker mit Keksen und Muffins und wieder andere geben was von ihren (natürlich selbst heimlich angebauten) Weedvorräten ab. Und Peter hat uns gar Schokoladenosterhasen geschenkt. So fühlt sich jeder entspannt und integriert und selbst die Schüchternen reden mittlerweile. Der Job ist anstrengend genug. Wenn man neu in so eine Gruppe kommt und sich zu mehreren dreist und dumm verhält, haben die anderen einen gemeinsamen Feind. Das schweisst zusammen und ist im Grunde heiter. Wenn man nicht auf der anderen Seite steht...

So, hätten wir wieder einiges geschafft. Lange bin ich Leo nachgelaufen mit der Bitte, doch einen Lebenslauf zusammenzuschreiben, der nicht nur reine Phantasie ist. Eiligst haben wir dann das Endprodukt an Ski NZ verschickt. Ich habe mich als Sprachübersetzer, im Skiverleih und als Lifthansel beworben und er sich als Koch. Bewerben scheint man hier sehr locker zu nehmen, auch wenn die Homepages doch nach einem ordentlichen Anschreiben und Lebenslauf und dem Visum verlangten. Ich bin gespannt, was passiert. Wenn das nichts mit dem Job wird, wird sich vermutlich was anderes ergeben und ich kann schliesslich auch ohne Job skifahren gehen und anders Geld verdienen. Momentan lacht die Kasse, mein deutsches Konto hat noch einiges aufzuweisen und mein neuseeländisches Konto ist über tausend Dollar geklettert. Ich habe mir ausgerechnet, dass ich bis jetzt inklusive tausend Euro Flüge mit gut 4000 Euro seit November klargekommen bin. Und ich dachte immer, das Reisen sei so teuer. Schlau angestellt sieht man viel und zahlt wenig. Ich bin begeistert!

Manchmal überkommt mich nun die Nostalgie und als mir am Dienstag auffiel, dass meine Studienzeiten vermutlich meine schönsten Zeiten bis jetzt waren, entfleuchten mir ein paar Tränchen im Braeburnjungle. Das Reisen ist schon auch sehr wunderbar, aber auf längere Zeit gesehen waren die Freunde und die Uni formidabel. Momentan gehen mir die Diskussionen ab, mit der Suche nach den genauen, fein geschliffenen Bedeutungen der Worte. Hier wird mit viel „bloody hell“, „cheeeeeee.....!“(wohl für „jesus!“) und „holy shit, man“ Bewunderung ausgedrückt und auf Präzisierungsfragen und Fragen nach einem Beispiel kriege ich oft die Antwort „I can't be bothered! Why do you always have to complicate things?“). Ohne meine Bücher hier würde ich Zufriedenheit einbüssen. Vorsichtig gesprochen. So grabe ich mich durch Emily Brontes „Wuthering Heights“, Shakespeares „King Lear“, eine Patricia Highsmith „Strangers on a Train“ und Michael King's „Penguin History of New Zealand“. Mein Liebling ist aber Palle Yourgraus „A World Without Time. The Forgotten Legacy between Einstein und Gödel“. Da erzählt mir dann ein Physiker, dass Gödel sehr wohl als Philosoph ernstgenommen gehört.

Auch meine langen Denkphasen beim Pflücken unterbreche ich nun. Die anderen Deutschen, Jochen und Alex, haben eine herrliche Sammlung mit „Drei Fragezeichen“ - und „Hitchcock“- Hörspielen für meinen MP3-Player. Die Erkenntnis, dass ich ohne Denkstoff nicht lange glücklich bin, ist jedenfalls keine neue, wird hier aber besonders intensiv erlebt.

Am Ostersonntag sind Leo und ich tatsächlich mit unseren vierzehn Bällen und zwei Schlägern zum Golfen aufgebrochen. Für zwanzig Dollar hat man dort die Möglichkeit, den Schläger mit Schwung in den feinen Rasen zu rammen. Leo tat das mit einer gewissen Lehrerpose und ich wälzte mich am Boden vor Lachen, als der schulbuchhaft gedachte Abschlag nun wirklich nicht gelingen wollte und ich meinte, ich müsste mir dann das Golfen wohl selbst beibringen. Ich fand es eine wirklich wunderbare Beschäftigung, dem kleinen Ball nachzujagen und hielt mich auch gar nicht schlecht. Natürlich spritzte viel Gras und Dreck in die Luft und Leo verschoss vier Bälle. Vor allem als wir den Ball über eine sicher zwanzig Meter tiefe und ebenso lange Schlucht fetzen sollten, hatte ich meine Zweifel. Zu Unrecht. Der Ball prallte zwar an einer Pinie ab, war aber immer noch gut sicht- und schlagbar. Allerdings kann ich diesen Sport bis jetzt nicht ernst nehmen und weiss wirklich nicht, warum man darum ein solches Gewese macht. Minigolf in gross, Vergnügen für jung und alt, und basta!

Am Ostermontag hatten wir auch frei und ich konnte mein Glück, zwei freie Tage am Stück zu haben, gar nicht fassen. Kann mich gar nicht erinnern, wann ich das das letzte Mal hatte! Ich dachte mir, ich powere mich ordentlich mit einem 45-min- Vorfrühstückslauf aus und war schon ein wenig geknickt über meine schwindende Kondition und lass es dann dabei bewenden und geniesse die letzten sommerlichen Tage mit einem Buch auf der Terrasse. Aber nein, um elf kamen dann Phil und Glen, ein anderer Kiwi, an und meinten, wir könnten doch den Gipfel gegenüber besteigen. Das hat meinen Ehrgeiz angestachelt und Leo braucht auch ein wenig Lauftraining. So machten wir uns also zu einer fünfeinhalbstündigen, durchaus nicht flachen Wanderung auf. Auf dem Gipfel war Schnee, es zog ein frostig Wind vorbei und ich wollte im Grunde nur heim, hab mich aber natürlich hochgekämpft.. Im Aufgeben bin ich ja nun nicht besonders gut. Leo machte vorher Rast auf einem Felsen und liess sich von einem neugierigen Fantail, einem hiesigen Vogel beschwatzen. Unser Start (bzw. meine Rückkehr) in ein bewegteres und gesünderes Leben ist getan. Wir essen nun vegetarisch und gucken, dass wir (wieder) fit und schlank werden.

Der Fantail übrigens ist ein wirklich heiteres Vögelchen. Wirklich sehr, sehr neugierig, sehr hübsch, schwarz- weiss, ein bisschen grösser als ein Spatz und schlanker, kommt er beim Pflücken angeflogen, setzt sich einen Meter von einem entfernt auf einen Ast und zwitschert einen langen und überaus ernsten Vortrag aller Vermutung nach des Inhalts, dass dieser spezifische Baum hier nicht zu pflücken sei. Bis jetzt haben wir uns allerdings weder von seinem autoritären Auftreten noch von seinen Argumenten überzeugen lassen. Ein weiterer grosser Liebling ist das Insekt Praymentis (Gottesanbeterin??), ich hoffe, man schreibt es so. Es handelt sich um diesen grünen Hüpfer, der auch fliegen kann und sich hoch auf den Apfelbäumen aufhält. Ich hab Euch schon ein Photo gepostet. Er hat sechs Beine und hält die langen Vorderbeine in die Luft als würde er beten. Er hat ein sehr hübsches Gesicht und guckt einen neugierig an. Ich nehme mir immer die Zeit, die Tiere zu beobachten oder den Wind in den gigantischen Weiden, die locker dreimal so hoch sind wie das Packhaus neben. Ich glaube, ich habe noch nie so hohe und beeindruckende Bäume gesehen. Wenn die Wolken über die Berge ziehen und die Sonne durchscheint, der Wind vorbeiweht und ein paar Tropfen fallen, dann fällt mir schon auf, wie sehr eins man doch mit der Natur sein kann. Ohne dass sie es oft wissen, macht das die Menschen hier wohl zufrieden. Ich weiss, ich werde auch an diese Zeit einmal wehmütig zurückdenken.

Samstag, 11. April 2009

Apfelostern




Frohe Apfelostergrüsse Euch allen!

Wir werden ein bisschen Ostern feiern mit Bunnygesichtkeksen, die ich gestern noch schnell verbrannt habe. Ich hab schon mit viel Freude ein paar an meine Familie hier verschenkt. Leo hat das Konzept mit dem Hasenverstecken noch nicht ganz raus und meinte im Supermarkt, wir könnten ja ein paar Schokoladenostereier kaufen. Er wird seinen Lindthasen mit rotem Schleifchen schön zwischen den Äpfeln suchen müssen, während unser Chef seinen Hasenkeks einfach so kriegt. Osterfrühstück wird’s aber schon geben, mit selbstgemachtem Zopf!

Ich stelle wieder einmal fest, wie wichtig es mir ist, einen guten Chef zu haben. Peter ist fair, humorig, geradlinig. Er erklärt uns, warum wir genau welche Äpfel pflücken sollen. Und er gibt uns zwar hie und da Reihen, die wirklich kein Vergnügen sind, die nächste Reihe danach ist dann aber wieder eine reine Freude. Naja, in Pflückermassstäben gesehen. Auch die Preise für die Kisten sind so ausgelegt, dass jeder die gleichen Chancen hat, Geld zu verdienen. Und man hat seine Freiheit in der Zeiteinteilung. Arbeitet man wie besessen, schnell und lange, verdient man automatisch mehr. Das verkneifen wir uns. Wir arbeiten konstant, aber wir haben ein Mittagspicknick und wollen auch noch was vom Abend haben. Peter will Qualität, das hindert ihn aber nicht, freundlich zu sein. Ich fühle mich an die Unizeiten erinnert, wo ich mit Hans Rott einen wunderbaren Chef hatte. Und ich sehe den Kontrast danach mit einer gewissen Person, die als Chef an Furchtbarlichkeiten wirklich wenig ausgelassen hat.

Ich habe immer noch viel Zeit zum Denken. Sechs Wochen Äpfel und ein ganzes Leben durchzukauen. Ich entwickle sogar sowas wie Heimweh. Ich vermisse einige meiner Leser in ganz live, Spieleabende, gute Buchläden mit der Möglichkeit, Bücher bis zum nächsten Werktag zu bestellen, ich vermisse ordentliche Museen, Bibliotheken, meine Skier, mein Rennrad, ordentliches Recycling, eine gute Passion in einer eisigen Kirche, gut verfügbares, schnelles Internet, Zeitungen, die über mehr als die erschreckende Rauferei im Nachbarpub berichten und oh Wunder, sogar das Fernsehen, das es wert ist, irgendwann mal reinzuschauen. Vor allem, wenn die Supernanny, Rach, der Restauranttester und der tolle Kriminaldauerdienst und der Der letzte Zeuge kommen. Mein Englisch aber kommt langsam dahin, dass ich auch schlagfertig sein kann und besonders hochgestochen reden kann, wenn mir danach ist. Es holt sozusagen zu meinem Sinn für Humor auf, der ja das einzige ist, was ich wirklich ernst nehme, wie Leo schon bemerkt hat.

Ich denke aber auch darüber nach, was ich nicht vermisse. Es ist dieses unfassbare Streben nach Sicherheit, das ich oft empfunden habe und das die Zufriedenheit mit dem, was gerade ist und was man geniessen kann, so oft zu ersticken scheint. Ich habe das Gefühl, dass sowohl hier als auch in Indien viele Leute viel mehr im Moment leben. Sie arbeiten, um sich jetzt durchzubringen. Unser Mitbewohner Don z.B. arbeitet, um mit seiner Frau wieder in den Norden NZs heimfahren zu können. Sie wissen nicht, was sie nächstes Jahr machen werden. Sie scheinen zufrieden zu sein und sind einfach herzensgute Leute. Ich vermisse nicht das Streben nach dem Haus, das die Nachbarn am meisten beeindrucken könnte und auch nicht den Autowahn, der mir hier noch um einige Grade absurder erscheint. Vielen Deutschen ist es bestimmt sehr gut gegangen in den letzten Jahren und manche hat das dazu verführt, sich zu sehr auf solche Dinge anstatt auf das, was man an Gutem hat, zu konzentrieren.

Das Gefühl der Freiheit, das ich in Raglan hatte, ist immer noch da. Und ganz besonders wenn ich wie eine Wahnsinnige durch den eisigen Regen in der Dunkelheit renne, Coldplays "Viva la Vida" im Ohr. Ich habe immer getan, was mir viel Freude gemacht hat. Die Schule, das Studium, auch das Journalistenjobben war gut und das Reisen ist genau mein Ding. Vielleicht muss ich nicht wissen, was ich in zehn Jahren tue. Vielleicht ist es eine gute Idee, einfach den eigenen Intuitionen zu folgen, leicht und glücklich Chancen zu nutzen. Ich habe mich nie gelangweilt und ich habe immer versucht, meine Freude an meinem Leben zu bewahren. Love it, change it or leave it. Es hat so gut für mich funktioniert und ich habe beschlossen, mich nicht mehr verunsichern zu lassen, wenn Menschen in meinem Umfeld mich auf einen Weg bringen wollen, der nicht der meine ist.

Ansonsten ist es frostekalt im wörtlichen Sinne. Eigentlich durchaus das, was ich als Osterwetter kenne. Schnee liegt auf den Hügel und man riecht ihn auch in der Luft. Die Häuser sind wie Bananenkartons isoliert und ich preise meine neu erworbenen Long Johns (Thermounterwäsche) und meinen wuscheligen Schlafsack während Leo von meinem Thermal Liner, meinem warmen Schlafsackinnensack profitiert. Er hat natürlich keine Long Johns gekauft, kauft keinen neuen Schlafsack, auch wenn ich jeden Tag von Federn bedeckt neben meiner Frau Holle aufwache und er will sich einen Liner aus einem alten Bettlaken nähen. Jaja, soll er mal. Eigentlich braucht man doch wirklich wenig. Keine zehn verschiedenen Laufklamotten- ich renne halt hier mit meinen Arbeitsklamotten und meiner guten Regenjacke- und auch keine sieben Jacken. Ich bin oft aus Langeweile und einfach weil die Gelegenheit da war, shoppen gegangen. Beides habe ich hier nicht. Ein paar wirklich gute Teile und gut isses. Es ist bestimmt kein asketisches Leben hier, aber es ist doch eine Besinnung auf das, was mir wirklich wichtig ist und auf was ich gut verzichten kann.

Nun ist bald Skisaison und wir versuchen, in der Gegend um Queenstown und Wanaka auf der Südinsel einen Job zu kriegen, so dass ich endlich skifahren kann. Ich könnte als kitchenhand arbeiten, den Lift bedienen, mit viel Glück sogar als Skilehrer arbeiten oder Kinder betreuen. Und Leo wird natürlich als Koch arbeiten. Ich vermisse den Schnee und das Skifahren wie blöd und kann jetzt einfach noch nicht nach Australien. Kann ja noch warten, oder? Alte Bretter werden wir wohl entweder vom „Dump“ oder vom Op-Shop kriegen. Tourenski zu finden grenzt dabei aber freilich an ein Wunder. Ein Wunsch ans Universum hat mir aber in letzter Zeit doch schon so einiges gebracht. Einen Brettspielfan, einen begeisterten Fischer, einen Leo. Ist doch schon ein guter Anfang.

Achja, Dump und Op-Shop. Da gibt es pfenninggute Sachen und Leo und ich lassen keine dieser herrlichen Gelegenheiten aus. Ich habe einen ausgezeichneten BH im Omastil erworben, der sich prächtig zum Pflücken macht, eine wirklich schöne OperettenCD mit Elisabeth Schwarzkopf und haufenweise Bücher, wobei unser Favorit „The Art of German Cooking“ ist. So komme ich zu ausgezeichneten Kartoffelknödeln, einer bayerischen Creme und Dampfnudeln mit selbstgemachter Vanillesauce. Ausserdem haben wir zwei Golfschläger für je zwei Dollar erworben und werden über Ostern unsere 14 Bälle auf dem Golfplatz in Roxburgh verschiessen. Womöglich werden wir in eine heisse Konkurrenz mit dem netten deutschen Paar Alex und Jochen treten. Sie reisen schon seit zwei Jahren und verdienen hier gerade ihr Geld, um nach Asien reisen zu können. Sie scheinen sich sehr zu mögen und haben sehr viel Energie und Freude. Sie pflücken teils doppelt so viele Bins wie wir.

Das Dörfchen Roxburgh hat sich nun zu so etwas wie unserer nahe gelegenen „Stadt“ entwickelt. Man kennt uns und winkt uns. Die Frau im Häkel- und Strickladen erzählt uns über ihre Reise nach England mit ihrem abenteuerlustigen Gatten und die burschikose Lehrerin, die den einzigen Backpacker hier schmeisst und mit ihrem Farmergatten das Internet betreut, versucht mich zu überreden, bei einem der sogenannten „Variety-Concerts“ in einer japanischen Robe zu singen. Warum? Weil sie die halt hat und schliesslich auch irgendwer singen muss. Zum Glück hatte ich das letzte Mal Halsweh.

Vor einer Woche waren Leo und ich auf einer eigentümlichen Veranstaltung im Entertainment Center in Roxburgh, wo wir heute wieder einmal Kinoabend haben. Der Abend lief unter dem Titel „Get Dotted!“ und zwei Damen und ein Herr führten eine Art kollektiven Psychotest mit dem Publikum durch. Ich glaube, ganz Roxburgh war gekommen, zumindest waren alle da, die wir mittlerweile kennen. Mit den Eintrittsgeldern soll ein Seminar für die Jugendlichen der Gemeinde finanziert werden. Es gab vier Persönlichkeitstypen: den Rationalisten, den Pictorialisten, den Visualisten und den Sensationisten. Die Showmaster lasen typische Verhaltensweisen und Einstellungen vor, wie z.B. „ich orientiere mich an Fakten“ für den Rationalisten oder „ich orientiere mich an Gefühlen“ für den Sensationisten und man sammelte Punkte, wenn man mit den Aussagen übereinstimmte. Wie vermutet habe ich klar im Rationalisteneck gepunktet und Leo im Sensationisteneck.

Er redet gern über seine Gefühle und ich rede manchmal lange auf ihn ein, dass es bei Uneinigkeiten keine schlechte Idee ist, Argumente vorzubringen anstatt nur nach den eigenen momentanen Gefühlen zu handeln. Ich fühle mich ein bisschen wie der Professor in „My Fair Lady“, wenn Leo mir sagt, dass er gerne ordentliches Englisch von mir (der Deutschen?!) und Mathe lernen will und auch sonst auf Bildung hofft. Ich lese ihm allerhand vor und erzähle ihm, was mir gerade in den Sinn kommt. Er versorgt mich mit Sushi für unser tägliches Picknick und fragt mich nach meinen Gefühlen, kümmert sich um einen Ersatzreifen für mein Auto, putzt das Haus und bekocht mich. Er hat sicher keine schrägen Ideen, was Frauen zu tun haben und Männer in keinem Fall machen können oder umgekehrt. Er ist schon ein ganz ein Süsser, mein Leo. Ob wir wohl wirklich gemeinsam durch Deutschland reisen? Nach Grönland für eine Weile gehen? Europa angucken? Zusammenbleiben? Die nächsten hundert Folgen sollen es ans Licht bringen!

Dienstag, 31. März 2009

Immer mehr Äpfel- und das ist erst die halbe Saison







Das ist Peter. Nein, man sieht ihn nicht auf dem Photo. Er versteckt sich, weil er nicht photographiert werden will. Er besitzt den grössten Obstgarten in der Gegend. Die anderen hier sind nur halb so gross. Um Peter herum sind ungefähr zwanzig Pflücker und fünf Staplerfahrer und zehn Leute, die Äpfel im Packhaus verpacken. Peter hat ein stattliches Haus, ein paar Pickups, ein paar Autos und ein Motorrad mit dem er durch seine Apfelreihen braust und guckt, ob die richtigen Äpfel auf die richtige Weise gepflückt werden. Wenn kein Hagel gekommen ist. Dreissig Sekunden Hagel und er ist ruiniert, sagt er. Ansonsten kann man schon Geld machen, vor allem mit Export, aber es ist eben nicht so arg einfach. Viele Gärten in der Gegend haben aufgegeben, die Besitzer pflücken ihre Äpfel selbst und verkaufen sie an einem kleinem Obststand auf einem Bauernmarkt. Und wenn die Äpfel von den Pflückern ruiniert werden, weil man sie verkratzt hat, weil man sie in die Tasche hat fallen lassen oder weil der Pflücker im Matsch ausgerutscht ist und mitsamt seiner Äpfel in den Bin gefallen ist und sie gequetscht hat, dann werden sie gesaftet. Klingt gut, ist aber furchtbar. So ein Bin hat 460 Kilo und wenn die Äpfel gesaftet werden müssen, kriegt Pete einen Cent pro Kilo. Das wären dann 4,60 Dollar pro Bin, für den er allein den Pflückern durchschnittlich 40 Dollar bezahlt. Es gibt viel Saft in der Welt, das stimmt. Aber Saft ist nur ein Nebenprodukt der Pflückerei. Niemand baut Äpfel für Saft an.

Nachdem wir die Äpfel in die Bins gepflückt haben, holt sie ein Traktor ab und bringt sie zum Packhaus. Dort kommen sie in ein grosses Becken und schwimmen dort durch eine Pumpe getrieben zu einem Fliessband, das sie ins Packhaus transportiert. Dort werden sie auf „bruises“ (Kratzer und Dellen) von einer Frau gecheckt. Dann laufen sie weiter in eine Lichtbox, wo sie photographiert und so auf Reife kontrolliert werden. Von dort werden sie noch auf Grösse angeguckt und dann in diese lila eierkartonähnlichen Steigen gelegt bevor sie dann aufeinander in eine Box kommen, fertig für die Weltreise.

Im Allgemeinen tut mir das Apfelpflücken sehr gut. Es ist eine grosse Meditation. Ich geniesse es, wie mein Leben sich wie ein Film nach und nach entrollt. Ich pflücke und ich blicke zurück, mehr als ich es jemals getan habe. Ich denke über all die guten Zeiten nach, über mein Studium, ich denke an meine Freunde, an einzelne Szenen, an Orte. Ich vermisse das Dichte, das Deutschland zu bieten hat. Viele Geschäfte in den Städten, Buchläden, Musik, vielseitige Kultur an jeder Ecke, enge alte Gassen, historische Gemäuer. Am meisten aber vermisse ich die schneebedeckten Berge und die Skitouren. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Land ohne Schnee zu leben. Nein! Und ich denke über meine Zukunft nach. Da gibt es noch viele interessante mögliche Lebenswege und sinnvolle Dinge zu tun. Vielleicht geht das zu zweit auch wirklich leichter, mal sehen. Ich habe einige Sorgen auf der Strecke gelassen und beschlossen, dass ich weiter geniessen werde, was mir dieses wunderbare Leben zu bieten hat.

Dienstag, 10. März 2009

Schnee, Äpfel und das Glück der Hausfrauen

Leo und ich haben mittlerweile eine Art Familienleben hier. Eine neue und ziemlich interessante Sache für mich. Wir leben in unserem Haus mit Don, Wai und Luksmi und gucken oft aus dem Fenster. Wenn es regnet gibt es nämlich keine Arbeit für uns. Die Damen im Packhaus dagegen verpacken noch die von uns gepflückten Äpfel und wir fragen uns manchmal, ob es nicht besser wäre, dort zu arbeiten. Man ist zwar nicht draussen, aber man hat feste Stunden und einen festen Stundenlohn und die letzten beiden Wochen haben sie sicher besser verdient als wir, obwohl wir es härter haben. Aber irgendwie finde ich diese Pflückmännerdomäne interessanter und es besteht die Hoffnung, dass es besser wird, vor allem, wenn wir das zweite Mal die noch verbleibenden Äpfel von den Bäumen holen.

Wenn die Äpfel wie gestern und heute nass sind, verkratzen sie schneller und wenn es kalt ist, brechen sie gar auf. Wenn es also regnet, bleiben wir daheim, fangen manchmal später das Arbeiten an oder eben gar nicht. Wir zahlen 30 Dollar in der Woche für unsere Unterkunft und wir spielen Scrabble. Vor allem kochen wir und bekochen unsere Familie. Mittlerweile sind wir dazu übergegangen, unser eigenes Brot zu machen, einen Apfelkuchen und sogar Apfelsaft. Die herrlichen Dinner gibt es natürlich weiter. Leo hat in der Küche sicher mein Energielevel und wir machen gleich mehrere Dinge gleichzeitig und nacheinander und alles läuft zackig und rund, während ich nebenbei noch dazulerne. Er ist organisiert und alles wird sofort gespült.

Das Apfelpflücken selbst sollte nun eigentlich leichter werden, so dachten wir. Leider ist das ganz falsch. Als wir noch Cox Orange von den Bäumen pfrimelten, guckten wir sehnsüchtig zu den Royal Gala hinüber, die im Vergleich dazu alle überreif aussahen. Da hatten wir uns aber mächtig getäuscht. Royal Gala werden nur gepflückt, wenn sie wirklich knallrot sind. Das sind sie in den seltensten Fällen. So brauchten wir am Montag 5 Stunden um unseren Bin zu füllen. Einer der Traktorfahrer versuchte mich aufzumuntern mit den Worten, Pete, unser Boss, würde bei diesen Äpfeln viel besser bezahlen. Wir verdienen bei diesen grossartigen Äpfeln dann 40 anstatt der 38 Dollar. Ich lief um die Bäume herum, guckte verzweifelt hinauf, rutschte auf der Silberfolie herum, die zwischen den Bäumen ausgelegt ist und landete meist in tiefen Matschlöchern. Den Matsch trug ich meine 3,6 m hohe Leiter hinauf und hinterher fiel er mir in Gesicht und T-Shirt. Erst pflückte ich zu viele unreife Äpfel, dann liess ich zu viele auf den Bäumen, die sich gut hinter Blättern versteckten. Und oft blieb der Stiel einfach am Baum hängen, weil ich offenbar zu sehr zog, aber es war nicht anders zu machen, wenn der Apfel auf fast fünf Metern hängt. Wenn ich die Stiele dann doch mitnahm, verkratzte ich die Äpfel, wenn ich sie gen Ast hochrollte. Irgendwas ist also immer. Aber wir können uns ja damit aufrecht halten, dass wir für fünf Stunden Arbeit lässige zwölf Euro verdienen- yeah! Brendan, unser anderer Traktorfahrer kam vorbei und bemitleidete uns. Er meinte, die Äpfel seien „nothing but trouble, no matter what you do“ und half uns manchmal sogar pflücken.

Trotz alledem gibt mir der Job viel. Ich bin durch verschiedene Stadien gegangen. Da war die anfängliche Euphorie, einen Job zu haben und draussen zu sein und genau das zu tun, was man eben in dieser Situation als Working Holiday Maker macht. Und es ist schön, neues Spielzeuggeld (NZ Dollars) jede Woche überwiesen zu kriegen. Ich kriege mit, wie die Dinge hier ablaufen, wie es ist, einen Apfelgarten zu haben und worauf man zu achten hat. Es gefällt mir auch, dass die Äpfel, die ich hier pflücke gerade von Euch gegessen werden könnten, da sie alle in den Export gehen.

Ich hatte mein schreckliches Tief letzte Woche und sah überhaupt keinen Sinn mehr in all dem blöden Getue für die paar Kröten, die einen eben gerade so über Wasser halten. Überall Matsch, was ich machte, machte ich falsch und es schien kein Ende zu nehmen in der brütenden Hitze. Ich sagte mir, das ist ein Job, in dem man sehr stark auf sich selbst zurückgeworfen ist. Man muss sich selbst motivieren. Und ich habe entdeckt, dass meine Einstellung wirklich den grossen Unterschied macht. Ich mache meinen Tag, nicht die Situation. So lasse ich mich nicht mehr besonders beeindrucken, höre Musik und denke über mein Leben nach. Dafür ist letztlich doch genug Zeit. Und schon ist wieder alles gut. Und zwischendrin entfleucht mir ein Wahngelächter und ich merke, dass ich auf so etwas wie körpereigene Wahndrogen komme, was Leo ein bisschen verwundert. Wenn später im Leben einmal nichts mehr geht und ich wirklich keinen Job haben sollte, so kann ich immer noch so etwas machen, um mich über Wasser zu halten. Mit dieser Gelassenheit und Zuversicht habe ich das Gefühl, dass mich nichts mehr so leicht umhauen kann. Dafür bin ich unfassbar dankbar. Leo hat recht mit seiner Aussage, dass ich mich hier auf dem grossen Abenteuerspielplatz befinde. Was ich ausprobiere, bringt mir Sicherheit und Lebensfreude. Was das Geld anlangt, bin ich immer noch gut dabei mit viel Sparsamkeit wwoofen und jobben. Madaz spart mir Übernachtungskosten und ist letztlich billiger als der Bus, vor allem, wenn ich in Gesellschaft mit ihm reise.

Jetzt ist es übrigens aus mit brütender Hitze, wir haben Schnee auf den Hügeln der Umgebung heute nacht gekriegt und ich bin glücklich über meinen neuen warmen Schlafsack. Keine Arbeit natürlich und auch gestern nutzten wir die Gelegenheit zu einem kleinen Ausflug nach Alexandra, vierzig Kilometer von hier. Es gibt immer was zu tun. Leo braucht einen neuen Pass, Madaz eine neue Registrierung, meine Telefonrechnung muss bezahlt werden und ich brauche mal wieder zumindest einen Buchladen. In Alexandra hat ein Kanadier seinen Buchladen „Wanderlust“ aufgemacht und wir kamen in ein nettes Gespräch über das Leben in einer winzigen Stadt nachdem er zuvor in der Nähe von Montreal gelebt hat. Die Kiwis lesen wohl sehr viel, viele fahren durch Alexandra und er hofft das beste. Er weiss, wie es ist, das Stadtleben zu vermissen. Er hat sich mit Neuseeland fürs Wandern und die Natur entschieden und diesen wunderschönen kleinen Laden aufgemacht. Stöbern, lesen- choice! Ich brauche das, ich vermisse es. Und ich habe mit Armistead Maupins „The Night Listener“ neuen Stoff, den ich Leo im Bett vorlesen kann. Bei Shakespeares Lear ist er doch zu schnell eingeschlafen.

Leo und ich sehen wie es ist, das gemeinsame alltägliche Leben mit all seinen kleinen Unwegsamkeiten und Diskussionen. Ich bin recht glücklich mit Leo, wir sind absolut gleichberechtigt und ich fahre Auto genauso wie er, wir kochen und putzen gemeinsam. Und er schliesst den Schlüssel im Auto ein und nicht ich, aber er bricht dafür auch ordnungsgemäss wieder ein ;). Er hört zu und ist interessiert an den Dingen, die ich mag und lässt sich auf Diskussionen ein, wenn mich etwas stört. Er gewöhnt sich daran, dass ich sachlich und direkt sofort sage, wenn mir etwas nicht passt. So kommen wir sehr gut klar. Er hat nun bald eine Woche das Rauchen aufgegeben, was ich sehr beachtlich finde.

Wir werden sehen, wie lange wir hier bleiben. Bis jetzt sind die Entscheidungen noch nicht so klar. Wir checken jeden Samstag die Zeitungen für sinnvolle Jobs und reden darüber, wann wir wohin weiter wollen. Ich will hier schliesslich noch einige Wanderungen machen. Leo will im Grunde auch, nur zahlt er ungern für das Wandern im eigenen Land, was ich in gewisser Weise verstehen kann. Und dann wartet immer noch Australien auf uns.

Donnerstag, 5. März 2009

Nur die Harten kommen in den Garten (und Leo hat die Gärtnerin abgekriegt ;))

Das Apfelbusiness zeigt uns die Zähne. Es ist erstaunlich frustrierend, in der Hitze zu stehen und an kleinen Flecken, die man nicht ausreichend mit Sonnencreme bedacht hat, den Sonnenbrand zu spüren, mitten in einem Dickicht von Ästen, durch die man die Leiter irgendwie pfrimeln muss. Und dann steht sie da, man steigt hinauf mit dem riesigen Umhängeding und bleibt stecken- fluchend. Man verschiebt die Leiter, alles ist gut, man erwischt einen Apfel, die zwei daneben fallen aber auf den Boden und sind damit nicht mehr zu gebrauchen. Das Pflücken ist eine Kunst für sich. Man knickt die Äpfel gen Ast, den sie aber nicht berühren sollen und rollt sie dann, einem nach dem anderen vorsichtig in die Bauchtasche. Kratzer, Dellen, braune Stellen werden von Peter, unserem Chef moniert, der mit seinem Motorrad angebraust kommt und checkt, ob auch wirklich alle Äpfel geernet sind, die er haben will. Das sind natürlich bei weitem nicht alle. Er hält einem regelmässig zwei Äpfel vor die Nase, die sich in der Röte um 2,8 Prozent unterscheiden und sagt einem, dass man den einen sehr wohl, den anderen aber in keinem Fall pflücken darf. Sonst gibt’s eine kleine Predigt, zwischen all dem Leiter rauf und runter und zum Bin laufen, den die Traktorfahrer uns hin und hermanövrieren. Leo ist mittlerweile schneller als ich, kriegt aber auch ein wenig mehr Predigten. Er kommt auf zirka drei Bins am Tag, ich schaffe es zu zweien und helfen uns gegenseitig, den Bin am Ende zu füllen. Ich habe schwitzend geschimpft und er hat auch seine Tiefs, zumal, wenn man betrachtet, dass wir uns wirklich anstrengen und nicht ratschen und dann immer noch unter Mindestlohn arbeiten. Ich verdiene 76 Dollar am Tag mit zwei Bins, das sind dann lässige 30 Euro für acht Stunden harte Arbeit und einen schmerzenden Rücken. Nur die Harten kommen in den Obstgarten... Wir sagen uns, was die anderen wiederholen, die das seit Jahren machen: man wird schneller und die Äpfel werden reifer und die erste Woche ist immer die härteste. Auch die Profis kommen mit drei Bins am Tag nur schleppend voran und stehen auch ihre Kämpfe aus. Wir geben nicht auf, erst mal nicht. Und danach dürfen wir wandern, haben wir uns versprochen und der nächste Job wird vermutlich in Australien sein, Leo kocht, ich arbeite an der Rezeption oder als Küchenhilfe und grüble weiter brav nach, wo ich mein journalistisches Zeug am besten unterbringe. Ich sehe wieder mal, wie schön man es doch hat, mit einem ordentlichen Job, wenn man die rechte Ausbildung hat. Man hat die Wahl, auch wieder was anderes zu machen. Vor allem ist es eine gute geistige Übung, sich immer weiter zu motivieren. Eine positive Einstellung ist der Schlüssel zum Ganzen und jeden Tag einen neuen Start zu sehen.

Die Leute von TeachNZ haben mir geschrieben bezüglich meiner Chancen als Lehrer zu arbeiten. Das geht mir nicht aus dem Kopf und mit starkem Willen müsste das gut machbar sein. Wir lesen brav die Zeitung am Wochenende und finden schon das Rechte. Von meiner Bewerbung für den Journalistenjob hab ich noch nichts gehört.

Und nach der Arbeit ist natürlich Verwöhnzeit. Ich gehe im schönen See schwimmen und am Abend gibt’s Leos feinste Gerichte. Gestern Lasagne und immer wieder meinen heissgeliebten Kartoffelbrei. Wir spielen Scrabble und ich ziehe den Armen gnadenlos ab. Wir haben nun eine Art Lernvertrag. Ich bringe ihm bei, was ich weiss und kann und im Gegenzug bin ich momentan seine Küchenhilfe. Das kostet ihn Überwindung, macht er doch gerne alles selbst und verwandelt sich instantan in einen sehr ernsten Menschen, wenn er sein gutes schweres Messer aus Solingen zu schwingen anfängt. Aber da er lernen will, anderen Menschen freundlich und bestimmt Anweisungen in der Küche zu geben und ich einige Küchentricks lernen will, haben wir beide unsere Meister gefunden. Da sonst meist ich es bin, die in der Heimküche die Kommandos gibt, fühlt es sich ein wenig seltsam an, nun nur noch genau auf Kommando zu handeln und nicht mehr zu denken. Aber gut, Kompetenzen abgeben ist ja auch eine gute Übung.

Wir hoffen auf ein bisschen Regen für Samstag, so dass wir den Tag frei kriegen. Bestimmt werden wir aber am Sonntag, der ein optionaler Arbeitstag ist, wieder einen Ausflug machen und feiern, dass wir die Woche überstanden haben. Zweieinhalb Wochen Obst und Leo liegen hinter mir. Wieder alles ganz neu für mich. Auf einmal planen wir zusammen und es macht mir gar nichts aus. Das hätte ich nicht gedacht. Ich habe nicht das Gefühl, Freiheit aufzugeben, da er mich nur ermuntert, alles zu machen, was mir vorschwebt. Reisen, promovieren, als Lehrer arbeiten. Ich hab ihn täglich lieber. Und obwohl ich hier meine Tiefs habe, glaube ich, dass ich auf dieser Reise weit mehr gefunden habe als ich mir erwartet habe und meine Erwartungen waren nicht gering.

Dienstag, 3. März 2009

Apfelpsychologie

Wir werden vermutlich die Saison über in den Äpfeln bleiben. Das könnten bis zu zehn Wochen werden. Da kann man dann immerhin sagen, wir wissen, wie es ist, Saisonarbeiter zu sein. Unsere Kollegen sind teils ebenfalls Working Holiday Leute und teils Menschen, die jedes Jahr wieder Obst pflücken. Ich bin ziemlich beeindruckt, wie nett die Profis sind. Sie sagen uns genau, welche Äpfel wir pflücken sollen und lächeln und winken immer freundlich zurück. Das Nektarinenpflücken wurde stündlich bezahlt. Da hatte man Zeit zum Schäkern und gemütlich Nachdenken und hatte trotzdem seine hundert Dollar am Tag verdient. Hier sieht das nun anders aus. Wir werden für eine Kiste Äpfel mit 38 Dollar bezahlt. Man versucht also möglichst schnell möglichst viele Äpfel ins Körbchen zu bringen. Mit 40 Körbchen hat man die Kiste voll. Dabei müssen die Äpfel genau die richtige Farbe haben und zu klein sollen sie auch nicht sein. Es wird kontrolliert, was noch auf den Bäumen hängt und es wird kontrolliert, was in der Kiste ist. Die Äpfel müssen sehr behutsam behandelt werden, da sie schnell Kratzer und braune Stellen kriegen. Und wir müssen zackig unsere Leiter richtig platzieren, so dass wir auch an die obersten Früchte kommen. Das ist ziemlich mühsam, wenn die Äste sehr dicht sind. Wir machen höchstens eine halbe Stunde Pause und arbeiten kontinuierlich. Unsere Profifreunde kriegen in einem Tag vier Kisten voll, wir schaffen zusammen fünf. Und wir gucken immer, wenn der Chef vorbei kommt, dass wir auch alles brav richtig machen und hoffen, dass wir weder einen Strunk am Apfel gelassen haben, noch überpflückt haben, also zu viele Äpfel vom Baum geholt haben. Montag war ein wunderbarer Tag. Da konnten wir kleine Bäumchen zackig abarbeiten. Dienstag war grausam. Viele kleine Äpfelchen an den Bäumen aussen, nahe an den schützenden Weiden, die viel Schatten geben. Da rennt man dann ein bisschen vezweifelt hin und her und findet doch kaum was zu pflücken. Insgesamt ist das aber ein gute Job, daher macht ihn auch der Surfer Sascha. Man ist auf sich allein gestellt, bestimmt sein eigenes Tempo, kriegt einiges an Sonne ab und die Kollegen sind nett. Die Traktorfahrer, die unsere Kisten bewegen, haben selbst früher gepflückt und geben immer wieder Tipps, wie man am schnellsten gut voran kommt. Ich merke, dass es für mich sehr aufs Arbeitsumfeld ankommt, wenn es darum geht, zufrieden mit meinem Tun zu sein. Richtig nett ist, dass wir hier mit Don, Wai und Laksmi zusammen wohnen, unserer netten Maorifamilie.
Wir motivieren uns gegenseitig, das hier zu machen. Es heisst, die erste Woche sei am schwersten, danach sei man schneller und verdiene damit mehr Geld. Ausserdem gewöhnt sich der Rücken ans Tragen, momentan fühlen wir uns immer noch recht schwanger mit gut 20 Kilo Äpfeln vorm Bauch.

Das Zusammenleben mit Leo funktioniert sehr gut. Er kocht herrlich Dinner, gestern gab es Lamm, immer sehr viele knackige Gemüse und vor allem den weltbesten Kartoffelbrei. Ich würde ihm ja gerne helfen, aber in seinem Bereicht lässt er sich nicht dreinreden. Aber es gibt zum Glück genug andere Dinge, die ich im Gegenzug machen kann. Sein Lebenslauf soll am Computer erstellt werden, er will alles über Musik wissen und ist an allem was mit Bildung zu tun hat, sehr interessiert. Ausserdem motiviere ich ihn zum Sport und er hat sich fest vorgenommen, das Rauchen aufzuhören, zumal er es auch seinem Vater kurz vor dessen Tod versprochen hat.

Am Wochenende waren wir in Queenstown. Hier ist man schliesslich so richtig auf dem Land. Da gibt es schon zwei Supermärktchen in Roxburgh, die das Verhungern ausschliessen. Aber ich vermisse doch sowas wie Stadt. Wo man ein T-Shirt kaufen kann und Kino nicht nur alle zwei Wochen am Samstag mit genau einem Film ist. Es gibt eine Stadt, Alexandra, eine halbe Autostunde entfernt, in die wollten wir eigentlich fahren. Als wir dann aber um zwei dort waren, war alles zu und es handelte sich nicht um eine Mittagspause. Neuseeland ist in dieser Hinsicht sicher noch nicht globalisiert. Über Queenstown aber ein andermal etwas mehr.

Unsere Abende bestehen nach dem Essen aus einem Scrabble (bei dem ich den armen Leo bis dato recht wild abziehe) und manchmal aus einer Fahrt zum See Pinders Pond, in den man sich mit einem lauten Juchzer an der Schaukel schwingen kann.
Wir wollen sehen, wie lange wir hier bleiben. Im Grunde verdienen wir ordentlich, geben nicht viel aus und wohnen für 30 Dollar in der Woche. Danach geht es dann, so der Plan, nach Australien, wo wir gemeinsam in einem Hotel oder Restaurant arbeiten könnten. Das ist nochmal ganz anders für mich und für ihn ist es leicht, einen Job zu finden. Es ist gut, dass er aufs Geld schaut, so bin ich auch gut versorgt, weil ich auch nichts anderes mache, als mitarbeiten und wirklich Gegend und Leute sehe.

Unser Tag fängt an, wir müssen in die Äpfel und werden dort unsere acht Stunden bleiben.