Dienstag, 30. Dezember 2008

Queen Charlotte wartet





30-12-08

Manchmal wird den Menschen das Gutmenschtum auch aufgezwungen. Eike, unser neuer Bekannter aus dem Raglan Backpackers, hat einen grossen Kombi gekauft und Alan, unser kleiner alter Mann, hat ihn einfach gefragt, ob er uns zum Bus bringen kann. Er konnte, wenn er auch das Auto nicht mehr ausladen wollte, so dass wir ein bisschen im indischen Stil zwischen und unter Rucksäcken und Surfboard nach Hamilton einfuhren. Acht Stunden Busfahrt über die Nordinsel standen uns bevor, um nach Wellington, Neuseelands Hauptstadt zu kommen.

Wir freuten uns auf die Stadt, in der es dann aber letztlich doch wieder nicht so viel zu sehen gab. Es hat schon seinen Grund, warum die Neuseeländer die schönsten Fishing and Hunting Läden haben und sich offenbar ständig draussen aufhalten. Die Städte sehen einfach doch recht ähnlich und ein bisschen nach Wellville Pappkulissen. Da ist natürlich nix von wegen Gotik und Barock, Kopfsteinpflaster und verwinkelten Gassen. Farbig, hell, glatte, frisch geteerte Strassen und diese pragmatisch parallel und in 90 Grad Winkeln zueinander angelegt.

Sehr funktional ist auch die Frage danach, ob man sich hier ein Auto kauft. Kein deutscher Autowahn, die Dinger sind auch einigermassen erschwinglich und ich überlege mir, ob ich das erste Auto meines Lebens kaufen und später wieder verkaufen werde. Hat alles seine Vor- und Nachteile. Man muss dann auch drin rumfahren, kommt aber besser rum, kann drin schlafen und seine Ausrüstung drin parken und die Kosten werden normalerweise nicht höher.

Auf der Überfahrt mit der Fähre auf die Südinsel boten sich mir nicht nur Postkartenmotive und herrlich erfrischender Wind, sondern auch ein Schwabe, der sich über die Maori mit soviel Ernsthaftigkeit und Schwung ausliess, dass ich nur noch lachen konnte. Sein Kumpel Lars hat eine Maorifreundin, die mittlerweile in Deutschland lebt. Nun wurde sie zusammen mit den beiden Männern zu Weihnachten nach Hause eingeladen. Unser Freund hier hatte erwartet, dass er in den reinen Luxus kommt und ihn Tradition pur erwartet. Nun landete er bei einer Truppe streitender Verwandter (Drama Galama nannte er es), die nichts anderes im Sinn hatten als sich kollektiv zu besaufen und zu streiten. Für ihn und die anderen beiden hatten sie einen alten, dreckigen Schrottkarren bereit gestellt, mit dem sie die Gegend erkunden sollten. Er hat sich so köstlich aufgeregt, dass ich nur noch lachen musste auf dem windigen Deck. Da hat er seine wohlgeordneten Erwartungen nach Neuseeland getragen und ist mächtig enttäuscht worden. Und anstatt die herrliche Landschaft, das Leben und den Urlaub zu geniessen hat er sich in Herzinfarktnähe aufgeregt anstatt sich zu freuen, dass er ein Auto umsonst gekriegt hat. Wir hätten es sofort genommen. Und das auch schon vor unseren heilsamen Erfahrungen in Indien.

Auch Alan hat sich der Ansicht angeschlossen. Er ist mit uns nach Picton auf der Südinsel übergesetzt und hat sich dort spontan eine Vespa gekauft, mit der er nun das Land unsicher macht. Er meint, er würde in Hostels übernachten, selbst wenn er jetzt eine Million gewänne. Was will er einsam im Luxushotel sitzen, wo er doch so viel familiäre Umgebung in den Hostels erlebt und dieses Jahr vielleicht das beste Weihnachten jemals erlebt hat, wie er heute meinte. Hier wird uns kostenlos Brot gebacken, man kann Kayaks und Fahrräder einfach nutzen und es ist immer wer da, mit dem man sich nett unterhalten kann. In Raglan gab es kostenlose DVDs, viele Bücher, Angeln und Transport zum Strand. Nicht zu vergessen das nett organisierte Weihnachten mit Geschenkeaustausch und riesigem Buffet.

In Wellington gingen wir drei noch ins Te Papa Museum, das Museum über Neuseeland. Ich freute mich über das verspielte moderne Museumskonzept. Eintritt frei. Hier wird viel mit Vergleichen gearbeitet und Dinge werden anschaulich und zum Anfassen dargestellt. Sie haben sogar ihren eigenen kleinen Busch angepflanzt, mit Wasserfall und den ältesten Felsen des Landes. Ein Riesentintenfisch, der bestimmt zwei Meter lang ist und Kiwis, unzählige andere Vögel und ein überfahrenes Possum, das als Skelett auf einer Strasse versteinert ist, waren zu bewundern. Man sah Filme über Klima und Naturkatastrophen und konnte Gesteinsproben aus verschiedenen Erdschichten heben und ihr Gewicht vergleichen und in einem Häuschen ein Erdbeben nacherleben. Ich hatte mein wahres Vergnügen und merkte mir Dinge leichter als ich es im alten Museumsstil mit Tafeln und braven Exponaten täte.

Claudia möchte in kurzer Zeit die Insel umrunden, ich bin mehr für das langsamere Reisen, zumal Fahren teuer ist und ich die Zeit habe. Für die nächsten drei Tage haben wir uns auf einen der Great Walks, den Queen Charlotte Trek einigen können. Wir werden von der netten Hostebesitzerin Stef um halb acht zum Hafen gefahren und werden dann mit einem Wassertaxi erst zu einer Vögelinsel ohne Fressfeinde gefahren, wo wir hoffentlich von herrlichem Gezwitscher umringt werden. Dann geht es weiter zu Ship Cove, wo wir die Wanderung starten. Unsere Campingausrüstung wird uns zu den beiden Campingplätzen geschippert. Wir werden Silvester recht ruhig am Wasser im Zelt verbringen. Und Ihr dürft Euch auf nette Landschaftsbilder freuen.

Euch allen einen wunderbaren Rutsch und ein herrliches 2009! Sollte bei dem ein oder anderen der Neuseeland auf dem Plan stehen, kann ich ihn oder sie nur bestärken. Grosses Tennis!

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Freeeeeeeiiiiiiiiiheit!








Weihnachten findet in Neuseeland am 25. statt und ich berichte live mit meinem kleinen Netbook vor der örtlichen Bücherei, abends um zehn. „When in Rome, do as the Romans do!“ lautete da das Motto und wir haben im Hostel gemeinsam gefeiert. Nach einer ordentlichen Surfsession versteht sich. Ich stehe immer noch hübsch in den Wellen – manchmal. Wenn die Wellen gnädig sind und meine Technik richtig. Da gab es Claudias und meine Vanillekipferl nach Mutters bewährtem Rezept, für die wir extra um halb acht aufstanden und jeder Gast trug seinen Teil bei, was zu einem herrlichen Mahl führte. Natürlich hab ich mich weihnachtlich vollgefressen mit Crepes, Braten, Reissalat, Tortilla, Knoblauchbrot, Pralinen und zahlreichen anderen Leckereien. Dann kam der Santa, auf dessen Schoss jeder sitzen durfte und ihm ein Küsschen geben. Ich nahm meine Bodybutter in Empfang, die ausgesprochen feuchtigkeitsspendend sein soll und nach Nuss riecht. Dafür wurde von mir jemand anders mit einer kleinen antiken Box überrascht. Ich rief Jacques und Cherry an und schon fühlt sich alles recht lauschig nach ein wenig Heimat an. Man hat ein bisschen Familiengefühl, vor allem auch im Hostel.

Da fühlte ich mich nach einem langen Strandspaziergang und fühlte dort erstmals so richtig, was mir bis dato schon bewusst war. Ich drehte mich wie eine Blöde im Kreis unter der Sonne und dem ewig weiten Strand, der sich gar nicht auf ein Photo bannen lässt und den ich ewig weiter wandern wollte, ich sang und freute mich und fühlte mich: frei. So frei wie nie. Was für ein herrlicher Zustand. Ich weiss nur, dass ich hier noch zwei Nächte verbringen werde, vielleicht mit Claudia eine Woche ein Auto haben werde. Ich weiss nicht, wie und wo und mit wem mein Leben weitergeht. Und ich habe es umarmt, das Leben und gejubelt. So fühlt sie sich also an, die Freiheit. Ich kann laufen, so lange und weit ich will, reden mit wem ich will oder es bleiben lassen. Da sind keine Verpflichtungen, kein Job, dem ich nachgehen müsste. Keiner erwartet etwas von mir, ich muss mich nicht zusammenreissen, meine Energie bremsen. Ich muss nicht cool tun, ich kann einfach nur geniessen, jeden Tag, jeden Moment. Und trotzdem treffe ich ständig auf Leute, die mich ernsthaft zu mögen scheinen. Es gibt einige Orte, an denen ich mich zu Hause fühlen könnte. Und mir dämmerte, dass das die beste Zeit meines Lebens sein könnte.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Weihnachtsglück in Raglan



Ganz liebe Weihnachtsgrüsse an alle, die hier virtuell mit mir mitreisen! Vielen Dank für Eure netten Kommentare, es macht wirklich Spass, für Euch zu schreiben!

Ich bin nun schon den dritten Tag in Raglan, bei, auf, unter und in Neuseelands berühmtesten Wellen. Ich hatte befürchtet, ich müsste meine Surferei nochmal von vorn anfangen, aber das stimmt nicht. Ich stehe noch immer auf dem Brett, was für mich einen wahren Glücksrausch und lautes Jubelgeschrei bedeutet, was von einer Engländerin kommentiert wurde mit „You've got a constant smile on your face!“. Nach dem ersten Abend am Strand bei Sonnenuntergang mit einem Bodyboard, auf dem man nicht stehen, sondern nur mit den Wellen gleiten kann, hab ich gestern die Wellen auf einem richtigen, echten Surfbrett genossen und beste Bedingungen für mich vorgefunden. Wenn schon nicht skifahren, dann surfen zu Weihnachten, das ist doch eine herrliche Alternative. Die Wellen, das Brett und ich. Mehr zählt da nicht. Und das Glück ist immer dabei.

Auch das Hostel ist toll. Mit 28 NSD (man kann hier einfach wieder in Mark denken, also 14 Euro) sehr erschwinglich. Man ist angehalten, die Schuhe draussen auszuziehen und es werden offenbar nur nette Menschen aufgenommen (ich hoffe auf keine Widerworte von Euch!). Ein betrunkener Kerl wurde einfach weiter geschickt, mir aber eine ganze Woche gegeben, obwohl erst nichts frei war. So ergibt es sich, dass alle mit einem Lächeln herumlaufen und wir uns bestens verstehen. Die meisten surfen, essen gesund und brauchen keine Besäufnisse und Lärm, um glücklich zu sein. Man unterhält sich gemütlich, kocht gemeinsam und sitzt zusammen im warmen Whirlpool und könnte sogar in die Infrarotsauna und guckt DVDs am Abend. Eine grosse, schöne WG mit Heizdecken für die Verfrorenen.

Hier habe ich auch Alan, einen 76-jährigen Engländer, kennen gelernt. Er schreibt wunderbar witzige Gedichte und wir plaudern viel. Besonders gefällt mir, dass er auf einem seiner letzten Neuseelandbesuche Anne kennengelernt hat, die mittlerweile 27 ist. Sie hat nie einen Grossvater erlebt und er hat nur einen Enkel. Nachdem sie sich so gut verstanden und Alan mit ihr shoppen ging, aber auch wie sie gerne lange Wanderungen unternimmt und im letzten Jahr sogar einen Tandemfallschirmsprung gemacht hat, haben sie festgestellt, wie sehr sie sich mögen und verstehen und er bot ihr an, sie als Enkelin zu adoptieren. Sie ist ganz wie eine echte Enkeltochter für ihn und sie treffen sich regelmässig. Alan will dieser Tage mit uns surfen gehen. Das Leben wird hier genossen, in vollen Zügen, von allen, die ich getroffen habe. Verspieltheit und Freude haben nichts mit Alter zu tun und Sorgen auch nicht. Hier fühle ich mich daheim.

Claudia aus München ist mit eigenem Surfbrett wie ich über Indien angereist und wir tauschen unsere gemeinsamen Geschichten von dort aus. Als Westler macht man doch ähnliche Beobachtungen in diesem so ganz anderen Land. Wir sind beide sehr froh, dort gewesen zu sein und mindestens so glücklich über unsere Zeit hier.

Natürlich ist das Leben hier im Hostel wieder ganz anders als auf den Farmen. Die Menschen tragen bunte, lustige Surfklamotten und sind alle unterwegs, die meisten haben sich wie ich länger Zeit genommen und arbeiten hier auch. Ich war bis dato sehr sparsam und mein Kontostand ist immer noch sehr solide, aber ich gucke mich dennoch nach Jobs um. Die Deutschen, die hier in meinem Zimmer wohnen, haben gerade fünf Wochen auf Weinbergen gearbeitet und wissen nun den Wein weit mehr zu schätzen. Ich habe ein Angebot, Blaubeeren zu pflücken, das ich annehmen will.

Es ist einfach immer viel los und ich halte es kaum aus, still zu sitzen und die weitere Reise zu planen, auch wenn es heute regnet. Man könnte ja kayaken, radeln, fischen, wandern. Ich werde mich nochmal in die Wellen stürzen und mein Standvermögen erweitern. Es ist schwer, dieses Leben nicht zu mögen. Gut gelaunte Menschen, mit denen man sich austauschen kann, unzählige Dinge, die man tun kann, eine herrliche Landschaft. So lässt sich das Leben aushalten, auch wenn es einfach nichts mit Weihnachten zu tun zu haben scheint, so sehr man sich auch bemüht, mit Bäumen und Girlanden. Aber eines kann ich sagen: es braucht nicht viel fürs Glück. Ein ordentlicher Rucksack, ein paar gute Wellen und Menschen, denen man gerne vertraut. Das ist doch auch Weihnachten, irgendwie.

Montag, 22. Dezember 2008

Saddest day






It is the saddest day – for I am leaving and not coming back. Mit Cherry habe ich den Vormittag in der Küche verbracht. Wir haben die Weihnachtsbäckerei fortgesetzt und über Jacques geredet und sein Leben und eine verflossene Liebe geredet. Sie meint, ich würde ihm richtig gut tun. Cherry hat mich in gewisser Weise in die Familie aufgenommen. Und nun sitze ich im Bus und schaue übers hügelige grüne Land, mit meinem kleinen Weihnachtsgeschenk, das ich mir selbst gemacht habe. Ich konnte nicht widerstehen und habe mir Sam Hunts Gedichtband gekauft. Cherry schätzt ihn auch sehr. Sie ist wirklich grossartig und sehr attraktiv für ihr Alter, wie mir auch am Konzertabend auffiel, wo sie in grünem Kleid mit gerader Haltung einfach strahlte. Sie hat sich sehr gefreut, als ich ihr das sagte.

Ich glaube, ich habe noch nicht viel vom Konzert erzählt. Sie hat mir die Eintrittskarte zu Weihnachten geschenkt, die reizende Cherry. Ein grosser Chor sang vor allem englische Weihnachtslieder, dazu spielte eine ausgezeichnete Bläserband. All das hat mir erstmals ein bisschen Weihnachtsstimmung vermittelt. Zumal wir mitsingen durften, was ich natürlich aus voller Brust mit viel Genuss tat. Neben mir sass ein 74- jähriger Herr und neben ihm eine Dame. Wir plauderten ein wenig über meine Reise und irgendwann beugte er sich rüber und sagte: Ich bin gerade in ein Retirement Village in der Nähe von Auckland gezogen. Ich war verheiratet, habe mich von meiner Frau getrennt und bin dorthin. Da habe ich Betty getroffen, nach 62 Jahren haben wir uns wiedergesehen. Sie hat nie geheiratet und wir konnten einander nie vergessen. Nun sitzt sie neben mir. Aber wissen Sie was (und er dämpfte seine Stimme): bis jetzt sind wir nur Freunde!“
Ich war einfach hingerissen !

Ich denke zurück an den netten Videoabend gestern mit Pizza und Jacques auf dem Sofa, ich denke zurück an den herrlichen Sternenhimmel, den ich natürlich noch nie gesehen habe. Herrlich klare Sterne am anderen Ende der Welt auf Jacques Paradieshügel. Die schönen Joggingrunden, die wunderbaren Abendessen, die er gemacht hat und unsere wilde Fahrt in seinem Auto Richtung Auckland mit lauter Trancemusik. Er hat recht: so spürt man, dass man lebt. Cherry hätte mich sehr gern über Weihnachten behalten, nur leider haben sich die Französinnen schon eingebucht gehabt, bevor ich überhaupt kam. Sie reden nicht, auch nicht mit Cherry und helfen ihr nicht, was ich natürlich mit Freude getan habe. Eine befreundete Familie hat angeboten, mich über Weihnachten aufzunehmen. Ich bin wirklich fassungslos über soviel Liebenswürdigkeit.

Nun auf nach Raglan, wieder auf ins Ungewisse, hoffentlich aufs Surfboard. Und wenn ich keine Unterkunft finde, kann ich mein nigelnagelneues Bivvybag ausprobieren und die Sterne bewundern. Wer weiss, was kommt. Es wird alles gut, da bin ich sicher. Mit aller Freude und aller Traurigkeit. Das ist eine Reise ins Ich und sie bringt mich den Menschen, von denen so viele so unglaublich gut sind, und der Natur so nahe. Ich könnte heulen vor Freude und Traurigkeit auf einmal.

Freitag, 19. Dezember 2008

Surfen? Arbeiten? Das sind Entscheidungen....





Ich habe beschlossen, dass ich am Sonntag wieder meiner eigenen Wege gehe. Ich hoffe, es geht nach Raglan, dem grossen Surferparadies, wo ich womöglich auch Weihnachten verbringen werde. Ein paar weitere Recherchen sollten da Klarheit bringen. Dort gibt es Wwoofingmöglichkeiten, an denen ich beim Schlachten dabei sein könnte und manche sagen ganz klar, dass sie viel surfen. Das hiesse, dass ich Arbeit und Vergnügen in einem hätte, lernen und Spass, ganz das Überraschungsei.Und das will man doch zu Weihnachten. Ausserdem habe ich mich bei Greenpeace als Strassenanschwätzer beworben und warte auch auf Antwort von Obstpflückern, die einem Unterkunft, Essen und Geld geben, wenn man brav Kiwis sammelt. Mit mehr Geld liesse sich ein Auto leihen und ein Surfboard samt Neoprenanzug kaufen. Hm. Das sind Sorgen...

Zu Jacques und mir stiess Tara aus England ins Häuschen auf dem Hügel. Sie war hier auf der Farm beim Wwoofen vor einem Jahr und kam auf Besuch. Sie ist wirklich amüsant und wir hatten eine lustige Zeit gemeinsam mit einem sehr langen Abend, an dem ich ein wenig und die beiden anderen recht betrunken waren. So richtig hab ich das mit dem Alkohol trotzdem noch nicht raus – mir wird ein wenig schwindlig, aber ansonsten merke ich keine besonders erquicklichen Effekte. Jedenfalls wurde viel gelacht.

Jacques ist wirklich einer von den rundum Guten und ich freue mich sehr, dass es solche Leute gibt. Fleissig, lustig, schnell, sportlich und einfach ein netter, hilfsbereiter Kerl. Scottie dagegen scheint etwas „pissed off“ von mir zu sein. Ich fand es nicht lustig, wie er mit seiner kleinen, unfassbar ungezogenen Tochter umgeht und ich fand es auch nicht lustig, wie er aufs Derbste versuchte, Jacques über mich auszuspionieren. Ich habe einfach gar nichts erzählt ausser Jacques Motto „Was auf dem Hügel passiert, bleibt auf dem Hügel“ und er solle Jacques doch selbst fragen, wenn erwas wissen wolle. Scottie meinte, dafür müsse ich nun den ganzen Tag Kuhscheisse schaufeln. Daraufhin sagte ich, das solle er mal schön lassen, ich könnte mich weigern und ihn „obnoxious“ nennen, was „unausstehlich, rüde“ bedeutet (und was er offenbar nicht mal kannte). Das hat er mir nun furchtbar übel genommen. Er ist einer von den Typen, wie man sie in amerikanischen Komödien a la Chevvy Chase erwartet. Gummistiefel, verschwitzt, schräge, dreckige T-Shirts ( „I am with Ms. Right. I just didn't know that her first name was Always“, aber das ist ja fast schon wieder gut), braune Zähne und immer ein paar fucking bloody Flüche parat, die er natürlich auch immer gern seiner Tochter zuwirft. Er hat sich wohl bei unserem dritten Mann, dem Farmchef Jamie, beschwert, dass ich schreckliche Wörter in seiner Gegenwart über ihn sage. Auch die Französinnen haben sich nicht gerade gemausert und zudem wenig Initiative ergriffen. Sie schauen weiter sehr finster und haben sich mehr oder weniger meinem Kommando ergeben, zumal sie den hiesigen Slang nun schon dreimal nicht verstehen und Jamie und Scottie beschlossen zu haben scheinen, mir nun die Anweisungen zu geben. Gestern war zudem noch Benzin und Diesel zu holen, den ich munter in einem ungeschickten Moment über meine Hose goss. Da war ich dann froh, als ich abends ein Bad im benachbarten Pool nehmen konnte. Und auch Jacques Spezialmoskitovernichter habe ich zu schätzen gelernt. Das Ding ist eine Art Tennisschläger, das man durch Knopfdruck unter Strom setzt und die kleinen Mistviecher so erglühen lässt. Ausgerechnet ich friedliebende Person weiss das nun zu schätzen, wenn sie in Heerscharen des Nächtens einfallen. An Tieren weiss ich mittlerweile auch den Vogel Tui zu schätzen, der den lustigsten mir bekannten Tiersound macht. Erst ein kleines Pfeifen in mittelhoher Lage, aufsteigend und dann wieder ein Glissando nach unten. Soweit alles gut. Dann kommt aber ein Geräusch, das so klingt als würde man Alu und Papier zusammenrascheln. Sehr eigentümlich.

Ich hab noch eine Runde Vanillekipferl für die Familie gebacken, die alle köstlich finden. Und ich war mit Cherry auf einem Chorkonzert mit exzellenter Bläserband. Das erste Mal, dass ich mich ein wenig weihnachtlich fühlte.

Lektion dieser Tage: Paradiese haben eben auch ihre Ecken und Kanten. Genug Disteln gehackt, entfleuchte Kühe und Lämmer gejagt und eingefangen, riesigen Pickup (röööööööööhrrrrrr) auf der linken Strassenseite und übers Feld gefahren, Küchenarbeit gemacht, Unmengen Würste gekocht und gegrillt, Garagen gekehrt, Unkraut gejätet und Aprikosen sortiert.Wie schnell ich mich aber dann doch heimisch fühle in so einer ganz anderen Umgebung. Ich habe gesehen, dass ich meinen gesunden Menschenverstand hier sehr gut gebrauchen kann und dass ich eben doch mittlerweile ein Persönchen geworden bin, das sich nicht alles gefallen lässt und seine Meinung sagt. Das lieben zwar nicht alle Menschen, aber am Ende kann ich mir aufrichtig im Spiegel entgegenschauen, das ist auch was wert. Und die Guten, die Jacques dieser Welt, die stehen da ganz auf meiner Seite.auf

Dienstag, 16. Dezember 2008

Der gute Jacques






Der Abschied von den Bartletts war in Ordnung. Ich bekam noch ein Lob, dass ich wirklich sehr hart an den Unkräutern war und wenn alle Wwoofer so arbeiten würden wie ich, hätte man den Garten locker in Schach. Na, das ist doch schon mal was. Ansonsten isses auch mal wieder gut, woanders hin zu gehen. Zumal ich jetzt wirklich einen guten Tausch gemacht habe.

Nun bin ich bei Jacques Goussard in Pokeno bei Bombay, eine dreiviertel Stunde von Auckland entfernt. Er hat mich direkt in Auckland aufgesammelt. Schon am Handy klang er sympathisch und ich war ziemlich begeistert als er vorfuhr und bin es noch: freundlich, gutaussehend, sportlich, offen und ein etwas gemeiner Humor. In unfassbar vielen Dingen ganz mein Stil. Er kocht gut, isst gesund, surft, mag klassische Musik, hat ein wirklich schönes Haus auf einem Hügel, von dem aus wir die ganze Gegend überblicken. Er ist viel in der Welt herumgekommen, geboren in Südafrika, gelebt in Holland, gereist in Europa und ist an Kunst und Musik und an den Eigenheiten der Menschen interessiert. Von denen hat er schon viel gesehen, wurde mit Waffen bedroht in Afrika, hatte eine Managerposition dort und hat nun Scottie als Kollegen, der, nun ja, ein wenig an lustige wilde Jungs in amerikanischen Filmen erinnert: munter, sehr chaotisch und ein rechter Aufschneider. Aber auch irgendwie in Ordnung. Hier scheint es nicht so viele Regeln zu geben wie bei den Bartletts, er und Scottie und Jamie bewirtschaften ein riesiges Land mit sehr vielen Kühen (allein 160 Milchkühe) und Schafen und meine Arbeit wird abwechslungsreich sein. Vor allem werden die Jungs dabei sein und ab morgen noch zwei Französinnen. Ich soll wohl auch irgendwelche Fahrzeuge fahren, werde beim Kuhmelken dabei sein und es scheint einfach Spass zu werden. Zudem geht Jacques gern ins Kino und verkauft Fleisch auf dem Markt – jede Menge Abwechslung also mit einem netten Typen in einem Traumhaus. Klingt nach Paradies.

Zweiter Tag bei Jacques

Ja, es hat was von Paradies hier. Man arbeitet zusammen, erst war ich dabei, Unkraut in der Einfahrt zu vergiften (wir witzeln schon, dass ich ausgerechnet damit auf einer Biofarm anfange), dann gings zum „grubbing“- wir haben Disteln aus dem Feld gehackt. Anstrengend, aber auch nett in dieser Gesellschaft und sicher aufregender als die drei Tage Unkrautjäten, die ich zuvor genossen haben, nach rigorosem Stundenplan. Besonders nett ist weiter Jacques, der hier ganz klar der Intellektuelle ist und deshalb auch mal schräg angeschaut wird. Er zieht sich auch gern mal zurück, was die anderen beiden nicht recht verstehen können, ich aber nur zu gut. Nach dem Unkraut gings ans Kühemelken und Scheissevomhofspritzen, das Melken hat mir doch tatsächlich bis dato am besten gefallen. Man muss schnell sein, es läuft dann aber auch alles ganz gut und man weiss sehr klar, wofür man es tut. Man treibt die 160 Kühe zusammen, sie gehen nach und nach in eine Art Karussell, in dem ich ihnen nach und nach von hinten die Melkmaschine aufsetzte. Ich war voller Kuhscheisse und wurde viel gelobt, es würde sonst zwei Wwoofer für diesen Job brauchen, ich würde das sehr gut machen. So machts natürlich noch mehr Spass. Doch nicht so schlimm mit den abgehobenen Philosophen. Danach waren die Jungs beim Tennis und ich beim Schwimmen im nahegelegenen Luxushotel. Ein Barbecue mit Fleisch vom eigenen Hof, schön Bio versteht sich, hat den Abend beschlossen. Jacques wollte zwar lieber allein (und mit mir, hähä) auf dem Hügel essen, aber da wären die anderen schwer beleidigt gewesen. Er erzählt sehr gerne aus seinem Leben, die Gespräche sind sehr interessant und wenn die anderen dabei sind gibts natürlich vor allem Witzchen. Die Französinnen findet er auch etwas frostig und vor allem haben sie ein ziemliches Englischproblem. Wenn ihren eher düsteren Minen doch mal ein Wörtchen entfleucht, versteht man es kaum und erst nach einigem Nachfragen. Ich habe beschlossen, nicht französisch mit ihnen zu reden und habe nicht offenbart, dass ich es könnte, ich will englisch lernen und das sollten sie auch versuchen - oder eben nicht, das ist ihre Sache.

Diese Reise hat für mich auch mit gesundem Egoismus zu tun: ich will viel davon profitieren und viel Spass haben und muss mich nicht vordergründig um andere Leute kümmern. Und für vieles mit vielen Leuten gibt es nur eine Chance, daher sollte ich die besser nutzen. Und obwohl ich mich hier sehr frei fühle und das Gefühl habe, auf dieser Reise nochmal so richtig zu spielen, glaube ich, dass das etwas mit Erwachsenwerden zu tun hat. Ich hole in manchen Dingen auf- heute gabs ein Glas feinen südafrikanischen Wein von Jacques und sogar ein Heinekenbier mit Zitronensaft- yeah. Das Farmarbeiten selbst ist ein wahres Vergnügen, mich stört weder die Kuhscheisse noch das Herumhacken.

Jacques scheint in einer kleinen Krise zu sein, ob er wirklich weiter und immer mit den Jungs herumhängen will. Vielleicht hat das für ihn auch mit Erwachsenwerden zu tun. Ich glaube, darüber werden wir noch öfter reden. Er ist eben doch anders, einer, der gern mal nachdenkt und seine Ruhe hat und nicht so sehr auf Party aus ist. Wie gesagt: sehr sympathisch.

Freitag, 12. Dezember 2008

Laemmer und Rentiere





Nun wurden mir also die Unkräuter anvertraut. Ein grosser Garten- eine Menge Unkräuter und ich würde sagen, ich hab ein anständiges Stück ordentlich umgegraben. Ich will ja gut sein, in dem, was ich tue. Ob das nun Unkrautjäten oder Schreiben ist, sonst macht es auch keinen Spass. Mit Lichtschutzfaktor 50 waren die eingecremten Stellen gut gerüstet. Der Rücken, an dem das T-Shirt hochrutschte, war es natürlich nicht und ich hab einen ordentlichen Sonnenbrand abgekriegt. Seufz. Karen lässt mich durchaus werkeln, nach zwei Sandwiches warf ich aber dann doch um drei die Harke ins Gras und machte mich gen Strand auf. Dort war das Meer qua Ebbe gerade unterwegs, kam dann aber zurück. Was gibt es hier viele Muscheln und das Meer ist unfassbar klar und ruhig, wie ein sehr sauberer See. Die Aussicht ist wunderbar, natürlich. Auf dem Rückweg nahm ich ein Bad im immer noch nicht tiefen Wasser und dachte mir gerade, dass das einsame Wandern doch nach einem Gefährten verlangt. Und zack, schon war er da, in Form eines munteren Hundes mit Tennisball, der mit mir spielte. Er heisst Mac und sein Besitzer, der eine Rudolphmütze auf dem Kopf trug, fand das gleich so gut, dass er mich nach einer Weile zu einem Bier und einem Barbecue einlud. Die Leute dort sind alles Ingenieure, sehr nett und aufgeschlossen, ganz begierig mit mir zu reden und mir Rudolphhörner Santa-Claus-Musik aufzusetzen und mir einen sogenannten Fishcake anzubieten: Fischbatz auf Gurke. All das war ausgesprochen nett und machte mich das Land noch mehr lieben und schmunzeln auf meinem Heimweg. Den musste ich bald antreten, weil meine Familie wiederum ebenfalls zu einem Christmas Barbecue in der Nachbarschaft eingeladen war und ich mitsollte. Auch dort war es sehr in Ordnung, ich hielt mich wie immer an die Männer und hatte meinen Spass. John briet wirklich köstliche und zarte Lammspareribs (Lamm ist hier ein must eat) und herrliche Steaks (mein Wunsch von Indien wurde also prompt erfüllt). Die Neuseelaender sind absolut verrueckt nach Grillen, der besagte Nachbar hat nicht weniger als 4 Grills am Laufen, in jedem Eckchen und auf jeder Etage seines Hauses einen. Die Kunst ist, laessig ein Bier in der einen Hand zu halten, in der anderen einen Wender und dabei richtig laessig auszusehen und am Ende etwas immerhin irgendwie Essbares zu produzieren. Natuerlich ist das nur was fuer Maenner und die Unterhaltung hat sich um Kuehe oder Autos zu drehen. Der andere nette Nachbar schwärmte mir von den besten Wanderwegen vor und will mir sein Wanderbuch leihen, ebenfalls ein Lonely Planet. Daheim schwärmte mir mein Gastvater Bob mit Karten, Büchern und Zeichnungen von den besten Surfspots vor, von denen er einige selbst getestet hat. Die Leute lieben ihr Land und sie lieben die Dinge, die man hier machen kann. Für einen Outdoorfreak wie ich einer bin, ist das grandios. Sie geben einem viele hilfreiche Tipps und verstehen, wenn man sich für solche Dinge begeistert. Vielleicht darf ich sogar mit Bob im warmen Wasser schnorcheln gehen, wo einem bis zu einem Meter lange Fische entgegenschwimmen sollen und man seine wahre Freude haben muss. Mal sehen, ob er glaubt, dass mein Unkrautrupfen solche Zuwendung verdient.