Donnerstag, 11. Dezember 2008

Unkraeuter bei einer netten Familie



Kleiner Tipp für Leute mit Angst vor Jetlag: einfach vor der Abreise viel zu wenig schlafen und schon wird alles wunderbar. Ich jedenfalls habe mich hier schon locker eingewöhnt. Nach zwölf Stunden babygleichem Schlaf bin ich meine Steuernummer anfordern gegangen, die in einer Woche da sein sollte. Welche Jobs ich nun genau suche, überlege ich noch. Es zieht mich nicht recht in ein Büro, wie ich zugeben muss. Und für jetzt habe ich schliesslich schon das Wwoofen entdeckt: ich bin eine Stunde nördlich von Auckland mit dem Bus gefahren und wurde in Warkworth von Karen abgeholt. Sie und Bob leben hier mit den drei Kindern Alec, Sean und Ella auf einem wirklich grossen Anwesen mit einer Ziege, einer Kuh, einigen Hühnern, einer Katze, ein paar Schafen, einem Hasen und einer Wasserschildkröte. Die Kinder sind sehr lebendig und ich habe meinen Spass mit ihnen, beim Fangen, auf dem Trampolin und bei Herumtoben im Gras. Sie sind an ausländische Gäste gewöhnt, hatten für längere Zeit einen japanischen 18-jährigen Buben und auch sonst einige Wwoofer hier.Gleich zu Beginn hab ich mich umgedreht und bei der Gelegenheit Sean, den mittleren, mit einer Tasse Tee uebergossen. Naja, man nahm es locker... Auf dem Grundstück muss die Tage Unkraut gejätet werden, Karen kann sich nach einer Operation am Arm nicht darum kümmern, daher wird das die Tage mein Job sein. Im Austausch dafür habe ich ein gemütliches kleines Häuschen im Garten, sogar mit Fernseher, in den ich wohl nie schauen werde und darf mitessen. Ich sehe das Meer von hier und bin von den Kindern enthusiastisch eingeladen, mit in den Wald zu einem Wasserfall zu gehen und die Glühwürmchen zu beobachten. Vielleicht hat Bob sogar Lust, am Wochenende sein Surfboard zum Strand zu tragen, wer weiss, oder wir malen sein Boot an, mit dem er gerne rausfahren würde. An den Nachmittagen kann ich laufen, zum Strand oder mit Bobs Fahrrad die Gegend erkunden. Er arbeitet in der IT-Branche als Berater. Karen scheint zu Hause zu sein. Ich lerne das neuseeländische Familienleben kennen und wurschtle in der Erde und tue was für die Natur. Wwoofing scheint wirklich geeignet für mich zu sein.

Nach einem Lauf in Auckland mache ich mir jedenfalls nun wirklich keine Sorgen um meine Fitness mehr. Hier gibt es jede Menge Gelegenheit, durch Sport und körperliche Arbeit stark, aber auch müde zu werden. Das scheint genau die Art von verspieltem Land zu sein, das ich mir erhofft hatte. Man ist sehr sicherheitsbewusst mit Fahrradhelmen überall und auf den Fussgängerwegen sind Haie aufgemalt mit dem Spruch davor, dass man sich nicht in ein Haibecken begeben würde und daher auch nicht den Tod durch das Überqueren der Ampel bei Rot riskieren soll. Nach Indien kann ich sagen: putzig.

Ziemlich seltsam mutet mir hier die Weihnachtssache an. Die Bartletts haben einen Weihnachtsbaum, ungefähr so, wie man ihn von Amerika erwartet mit vielen Kugeln und Figuren, sehr ebenmässig und man sieht einen Riesenweihnachtsmann in der Stadt und hört Weihnachtslieder. Dabei ist es so warm, dass ich in Flipflops herumlaufe. Mit Weihnachten hat das für mich alles nichts zu tun und es wirkt ein wenig wie eine Farce für mich.

Ich habe meine Zeit in Buchhandlungen und der Auckland Art Gallery verbracht, wo ich Zeitgenossen zu sehen bekam. Es hat alles etwas von Weite und da ist viel Grün und Natur zu sehen. Kein Wunder bei der Umgebung. Alles ist hübsch und grün und behaglich und so sicher, dass man sich über Einbrecher keine Gedanken macht. Was das Wasser anlangt, wird Regenwasser aufgefangen und getrunken. Und ich bin einer meiner Lieblingsfremdlandbeschäftigungen nachgegangen: ich war im Supermarkt. Oh wie herrlich sind die vielen Dinge, die man hier finden kann: leckere Biomilch, viel Obst und Gemüse direkt aus der Gegend, frisch und prall und reif. Grosse, leckere Schokoladen. Ich hab mir Spargel mit Kartoffeln für die Hostelküche gegönnt- eine wirklich gute Wahl und billiger als daheim! Dem starken Euro verdanke ich einen moderaten Reichtum. Und überhaupt: die Reisezeit mit all den finanziellen Unsicherheiten ist gut. Die Preise sind nicht so hoch und ich hätte vermutlich in Deutschland momentan Probleme, einen guten Job zu finden. Ernte scheint immer zu gehen und meine Sitznachbarinnen im Hostel arbeiteten dort mit und mussten somit nix für die Unterkunft zahlen und eine von ihnen hat einen Barjob. Starbucks sucht Leute und andere Ketten wohl auch. Ich überlege, ob ich nicht „How Starbucks saved my life“ vorher lese. Und Greenpeace sucht Freiwillige gegen Bezahlung. Kosmetik hingegen mag ich nicht unbedingt an die Tussi bringen, das gäbs auch. Es scheint viele Chancen zu geben und die Leute, die die Jobs machen, scheinen sogar richtig Spass daran zu haben. Na denn.

Erbauliche Sprüche hab ich jedenfalls für die sicher noch folgenden Klippen gefunden: Shoot for the moon. Even if you miss, you'll land among the stars.

Und:
risk more than others think is safe
care more than others think is wise
dream more than others think is practical
expect more than others think is possible.
cadet maxim

Ich habe auch einen Dichter für mich entdeckt, der hier recht populär zu sein scheint. Sein Name ist Sam Hunt und ein neuer Gedichtband mit dem Titel „doubtless“ ist gerade herausgekommen. Kostprobe?

Oterei rivermouth

I get to think that God
is somewhere there between the rivermouth and sea

helplessly
with only a broad sky a bored dog and me
listening.

Und:

Talking of the weather

winter's got its teeth in
and it's going to get worse
a lot worse than this
before it gets better

before you come to, brother,
and find overnight a snowfall
lower than any local
today can recall

your dead grandmother
out on the verandah
cannot (rumour) remember
snow as low either

a lot worse than this
before it gets better
and we've not even started, brother,
talking of the weather.

Ich finde, der Mann transportiert einfach Stimmung.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Fast wie daheim - oder ein bisschen besser?


Da war ich gerade dabei, mich von Indien zu verabschieden, als noch erstaunliche Dinge passierten. Rachana wollte mich in Delhi nochmals zum Dinner treffen und brachte zwei Freunde mit. Der Abend wurde sehr lustig im schon gewohnten vegetarischen Restaurant, wo ich mich mit der indischen Küche versöhnte. Einer der Freunde, der gekommen war, heisst Manish (man sieht uns auf dem Photo) und betreibt einen kleinen Ashram in Ramgar in Uttarakhand, wo ich es nicht mehr hin geschafft hatte. Er übernachtete ebenfalls im Sri Aurobindo Ashram und so ergab es sich, dass wir das Dach des Ashrams erklommen, durch die vom Dreck diesige Nacht vier ganze Sterne sahen und die Flugzeuge beobachteten, die über uns gen Flughafen bretterten. Dank Schlafsack und Thermarestmatte war die Nacht dort oben eine gemütliche Sache, zumal die Matte bequemer ist als die meisten indischen Betten, die eh nur aus einem Brett mit sehr dünner Auflage bestehen. An Schlaf war kaum zu denken, aber in Anbetracht des langen im Flugzeug Sitzens und der Tatsache, dass mich der Jetlag sowieso kriegen würde, war das auch egal. Und irgendwie sucht man doch genau nach solchen Begebenheiten auf einer solchen Reise.

Am Flughafen in der Früh hat sich Dalraj, ein SAP- Experte mit Turban (also ein Sikh) zu mir gesellt und nicht mehr von mir abgelassen. Das ging so weit, dass er Witzchen übers Heiraten machte und mich zu küssen versuchte, was ich ihm denn doch verwehren musste. Ich sei ja schon sehr indisch geworden, meinte er, wenn mir das Küssen in der Öffentlichkeit unangenehm sei. Ich glaube, er hat da was missverstanden. Auch mein Sitznachbar zeigte sich sehr interessiert und gab mir all seine Nummern und betonte sein Singledasein und dass er weder trinke noch rauche und jetzt auch Vegetarier sei. Er reist viel und die Chancen bestehen, dass er nach Deutschland kommt. Ich muss irgendein Anziehungspillchen in diesen beiden letzten Tagen ins Essen gemischt gekriegt haben, sowas aber auch! Ego polieren kann ja nun nicht schaden. Und ich verlasse ein Land mit vielen neuen Adressen, zu denen ich unbedingt mal kommen soll. Gastfreundschaft ist hier jedenfalls wirklich sehr gross geschrieben.

Im Flugzeug von Kuala Lumpur kam ich neben einer sehr netten irischen Dame zu sitzen, die in Neuseeland ihren Sohn besucht, der Manager einiger Restaurants ist. Sie hat mir gleich seine Karte gegeben, ich könne mich bei ihm melden, wenn ich einen Job suche. Sie hat mir von ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrem Vater erzählt, das sich an seinem Lebensende innerhalb von drei Wochen vollständig verändert hat. Der strenge Mann, den sie so distanziert erlebt hat, er hat eine ganz andere Seite gezeigt und auf einmal konnte sie ihren Frieden mit ihm machen. Sie haben nie soviel gelacht und sich nie so gut verstanden wie in diesen drei Monaten seiner Krankheit und er ist mit einem Lächeln eingeschlafen. Ich war beeindruckt und ich werde ihren Sohn kontaktieren.

Auckland empfing mich mit Regen. Nein, das hat mir nichts ausgemacht, Regen ist gut, wenn man fünf Wochen immer gleiches Wetter hinter sich hat: diesiger Sonnenschein, ein Blick aus dem Fenster war nie nötig. Schon im Flugzeug gab es westliches Essen- Omelett und Würstchen, das mein Magen anstandslos zu sich nahm. Und in Auckland angekommen wurde ich freundlich aber bestimmt über meinen Aufenthalt hier befragt in einem Englisch, das ich problemlos verstehen kann und bei dem ich nicht ständig nachfragen muss. Eine meiner ersten Handlungen war, meinen Kaugummi in einen Papierkorb zu spucken, was mich mit wahrer Befriedigung erfüllte. In diesem herrlichen, sauberen Land gibt es sogar Mülltrennung und der Bankautomat fragt einen, ob man auch noch eine Bestätigung übers Geldabheben haben will, wenn man an die Umwelt denkt. Ich machte innerlich kleine Hüpfer, ging derart wohlgelaunt zu einem Infoschalter und wurde nach meinem Befinden gefragt. Ich glaube, sie wollte es wirklich wissen, auch weitere Menschen interessieren sich hier einfach für einen, ohne einem dabei auf den Nerv zu gehen, wie es in Indien geschieht. Von der netten Dame bekam ich ein günstiges Hotel vermittelt, das mit ca. 14 Euro pro Nacht zu Buche schlägt. Sie hat es mir deswegen angeboten, weil man hier auch gleich viele andere Sachen organisieren kann, die das Arbeiten und das Wwofen (willing workers on organic farms) betreffen. Die Infodame verkaufte mir auch gleich noch ein Busticket in die Stadt und einen Adapter für die Steckdosen hier. Ich stieg in einen sauberen Bus, ich sah keinen Müll auf den Strassen, die hübsch angelegt sind und fühlte mich gleich derart entspannt und glücklich. Auch ein kleiner Stadtspaziergang und 3 Mädels aus England, die vor dem Studium eine Weltreise machen und nette Zimmergesellschaft waren, machten mich einfach nur glücklich. Und da ist die saubere Dusche mit dem warmen Wasser, da ist Klopapier, es funktioniert einfach alles. Von Deutschland aus hätte ich all das sicher nicht so schätzen können. Und die vielen Möglichkeiten: Kino, Aquarium, Bungyjumping, Surfen. Ein Stündchen im Buchladen mit Bildbänden über Neuseeland hat mich dann noch restlos überzeugt: es ist wunderbar hier und ich werde phantastische Natur sehen und vermutlich einfach nur glücklich sein. Nach zwölf Stunden Schlaf werde ich ein Konto eröffnen, mein soeben erworbenes Buch für meinen Aufenthalt auf Biofarmen durchgehen und mich gleich bei Familien melden und sonst einfach nur geniessen. Meine neue Handynummer habe ich auch schon erhalten und freue mich auf Anrufe und SMS: 0064-21686800. Ein entwickeltes Land mit einer verständlichen Sprache und all den kleinen Dingen, die man zu schnell für zu selbstverständlich erachtet (dauernd Strom, das Internet funktioniert einfach) aaaaaaah- ein Traum!

Sonntag, 7. Dezember 2008

Zwischensummen bilden




Mit lockeren fuenf Stunden Verspaetung kam ich heute aus Varanasi im mittlerweile vertrauten Delhi an. Erst war da gar kein Zug, dann war ich im Falschen, weil sich das Gleis geaendert hatte wie eigentlich immer und dann war ich am falschen Ende. Irgendwie klappt aber dann doch immer alles und auch die tollkuehnen Motorradfahrten mit dem lieben Anurag konnte ich irgendwann sogar geniessen. Die Verspaetung des Zugs hat nur meinen direkten Liege-Nachbarn gestoert, der manchmal als Geschaeftsreisender ein bisschen drueber gegrummelt hat. Ich hab ihm von den Deutschen erzaehlt, die immer ueber die hervorragend funktionierende Bahn schimpfen und er meinte, ich sollte die paar Hanseln nur mal nach Indien schicken, da koennten sie viel lernen. Und oh, wie recht er hat! Ich hatte eine herrliche Zeit mit ihm. Manchmal passiert das, eigentlich gar nicht so selten und nun eben in Indien: Ich hab ihn gesehen und wir haben uns sofort bestens verstanden, wenn ich auch immer noch Probleme mit der Aussprache der Inder habe. Er ist seit einer Woche auf Geschaeftsreise unterwegs und ein sehr verschmitzter Typ. Mit ihm fuehlte ich mich gleich recht vertraut und lustig und ich dachte mir, dass es dann doch wieder gar keine so grossen Unterschiede zwischen Deutschland und Indien und damit wohl dem Rest der Welt fuer mich gibt: mit manchen Leuten versteht man sich blendend ohne grosse Worte verlieren zu muessen. Eine Binsenweisheit, so direkt erlebt aber eine Offenbarung. Ich hoffe und glaube, die ganze Reise wird mich den Menschen naeher bringen. Und dann muss ich sie immer wieder verlassen und bin freilich furchtbar traurig darueber. Life in a nutshell!

Auch Rachanas Mutter hat mich noch sehr geruehrt, als sie sagte, es sei schoen, wenn Leute kaemen und immer furchtbar traurig, wenn sie gingen und ich ginge als Familienmitglied. Diese Frau hat mich sehr beeindruckt mit ihrer Guete und Klarheit nicht nur den Schuelern gegenueber. Ueberhaupt hab ich den Eindruck in so viel menschliche Groesse wie die Familie zeigt, muss ich noch ordentlich reinwachsen. Die Kinder kamen noch, um sich Autogramme abzuholen und sagten wie toll doch meine sogenannten Unterrichtsstunden waren, in denen ich zum Vergleich indischen Verkehr (Autorikshas, Fahrraeder, Autos, Fussgaenger in allen Richtungen und dazwischen eine Kuh, ein paar Hunde eine Ziege, wobei eine auch noch auf dem Motorrad mit vier Menschen mitfahren darf) und deutschen Verkehr mit Richtung und Tempo an die Tafel malte und mich fragen liess, ob ich denn nie einen Sari trage und ob mich meine Eltern nicht bald verheiraten. Ins Schwitzen kam ich als ich as politische System Deutschlands mit dem Indiens vergleichen sollte und gefragt wurde, welche Art von Industrie welchen Anteil hat und wer mein deutscher Lieblingsfussballer ist. Meine Unwissenheit hat meinem Status als Filmstar jedenfalls wohl keinen Abbruch getan und ich hatte meinen Spass, auch als ich mit den Maedchen der Schule einen Tanz zum grossen Basketballmatch heute einstudierte, was meinerseits ein hoffnungsloses Gewedel und Gehuepfe war. Trotzdem freue ich mich auch sehr darauf wieder in der gewohnten Unbeachtetheit als eine von vielen Weissen in Neuseeland zu versinken. Morgen gehts dorthin los und ich freue mich schon ueberschwaenglich darauf.

Indien werde ich vermissen. Die Farben, viele liebe Menschen, vermutlich sogar meinen Starstatus und einiges vom Essen hier. Ich nehme meine Yogauebungen mit, ein klitzekleines Bisschen Selbsterkenntnis und viele Bilder. Mich hab ich wie immer dabei gehabt, mein Selbermachenwollen, meinen nahezu unerschuetterlichen Humor und die Moeglichkeit mit vielen tollen Leuten in Kontakt zu kommen. Ich wuerde sagen : aus meiner Sicht ist die Indienmission bestimmt erfuellt.

Samstag, 6. Dezember 2008

Angelabert von vielen, vielen Indern, lange zwei Stunden und drei Internetcafes und viele Systemabstuerze spaeter streiche ich die Segel. Meine wunderbaren Photos kriegt ihr morgen, in Delhi. Und meinen mindestens genauso herrlichen Text auch. Der Nikolaus darf ihn Euch heute ueber Nacht bringen, wenn ihn mir nicht die vier Inder vom Bildschirm gucken, die mir wieder mal gebannt zuschauen. Froher Nikolaus von einer schwitzenden Andrea aus einem chaotischen, warmen, aber auch freundlichen Land - man muss es nur zu schaetzen wissen ;).

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Verbrennen duerfen in drei Stunden






Varanasi- der Ort, an den viele Hindus zum Sterben kommen, um verbrannt zu werden. Sortiert nach Kasten, die Brahmin ganz oben, die niederen Kasten ganz unten, direkt am Ganges. 24 Stunden am Tag werden tote Körper auf Tragen zum Ganges gebracht, eingetaucht, in der Sonne getrocknet und dann mit 200 kg Holz für drei Stunden verbrannt. Ein Kilo kostet je nach Holzqualitaet ab 150 Rupees, hat man mir gesagt, das sind 2,40 Euro, also ein Haufen Geld hier. Alle legen zusammen, um die Bestattung finanzieren zu können, für die ganz Armen wird gesammelt, auch ich habe heute ein paar Scheitel beigetragen. Mit dem Boot fuhr ich mit meinem staendigen Begleiter Jackma auf dem Ganges auf und ab und wir stiegen an einer der beiden Verbrennungsstellen aus und schauten den Bestattungen zu, es waren einige Feuer am Brennen. Ich fand das sehr interessant und hatte keine Probleme damit, zuzuschauen, aber die Bilder werden mir sicher ein Leben lang bleiben. Auch der Umgang mit dem Tod wie mit allem anderen ist hier sehr offen. Direkt daneben springen Buben wonnig in den Ganges, schrubben massive Ochsen ab, die dort genussvoll planschen und auch tote Tiere schwimmen manchmal im Wasser. Dazwischen laufen die Kühe und es liegen und sitzen viele Menschen am Ufer, wo Kinder mit Drachen ihre wahre Freude haben oder eine schiefe Ebene hinunterrutschen. Andere beten oder meditieren, waschen ihre Wäsche, kochen oder fischen. Das ganze Leben auf engem Raum.

Ich habe mich als typische Andrea oder vielleicht sogar als typische Westlerin erlebt: ich wollte das Boot heute selbst rudern und selbst Riksha fahren. Beides ist wirklich harte Arbeit, schwerer als erwartet. Vor allem die Riksha lässt sich kaum lenken und die Fahrer sind eigentlich alle sehr drahtig. Jackma begleitete mich den ganzen Tag und ich merkte, ich bin es wirklich gewohnt, mich um mich selbst zu kümmern und zu organisieren. Er ist wirklich sehr nett, versteht allerdings mein Englisch fast nicht und kümmert sich wirklich um alles. Wo ich doch so gerne auf mich selbst aufpasse.

Am Ende konnte ich ihm über einen Anruf bei Anurag deutlich machen, dass ich für mein Kässpatzenprojekt noch Käse aus einem größeren Laden bzw. Supermarkt brauche. Die Spaten waren nicht ganz so locker wie bei Oma, aber doch erstaunlich gut für meine indischen Gegebenheiten und ich war ganz zufrieden. Ich glaube, meine Familie mochte sie auch. Mein Kochen wurde von sechs Buben begleitet, die hier in die Schule gehen und unbedingt irgendwas mit Wirtschaft und Geld machen wollen und vor allem mal mit einer Westlerin sprechen wollten, der ersten westlichen Person mit der sie je geredet haben. Ich kann mir hier wirklich mittlerweile ein bisschen besser vorstellen, wie sich ein Filmstar fühlen muss: immer Gekicher, Getuschel, grosse Neugier, manche kommen und wollen mir die Hand geben oder wissen, wie ich heisse und wo ich her bin. Ein wahres Faszinosum.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Westliche Ruhe in Sarnath

Man hasst oder man liebt Indien und manche tun beides im Wechsel, heisst es. Es gibt eine Sache, die ich wirklich hasse hier. Zum dritten Mal macht mir mein Magen ernstlich zu schaffen, obwohl ich mich brav an alle Regeln halte: ich esse vegetarisch, ich esse keine schrägen Western style Sachen, ich esse gekochte Sachen, viel Reis, Chapati. Und trotzdem hat es mich zum dritten Mal einen Tag lahm gelegt, was die langen Nachtzugfahrten auch nur zu einer bedingten Freude macht. Aber nun ja, ich scheine mit meinen fünf Wochen Indien schliesslich vor allem einen Kurs in Ruhe und Gleichmut gebucht zu haben. Diese Dinge kommen und gehen und sind nun auch fast überstanden.

Zum Glück habe ich in Varanasi den perfekten Platz gefunden, um ein wenig kränklich zu sein. Rachanas Familie hat mich sofort wie eine Tochter aufgenommen. Das ist nun schon das dritte Mal, dass ich adoptiert werde. Es ist wundervoll, wie sich die Leute um mich kümmern, beginnend mit den Quakern, Kavita, Lorna und Karl und nun mit Rachana und Familie. Hier ist auch Rachanas Nichte, die elfjährige Sandra. Sie ist sehr gesprächig und spricht ein ausgezeichnetes Englisch. Rachanas Bruder Anurag holte mich auf seinem Motorrad vom Bahnhof vom dreieinhalb Stunden verspäteten guter Dinge vom Zug ab. Mit meinem großem Rucksack auf meinem Rücken, der kleine vor ihm düsten wir mit dem Gefährt ohne Tacho und Helm munter über lustige Schlaglöcher zwischen Kühen, Fussgängern, Bussen und Rickshaws und am Ende gar einer mit Blumen geschmückten Leiche. Aber er ist der Typ, der einen das als ganz unproblematisch und sicher erleben lässt und ich habe mich vor allem amüsiert. Rachanas Mutter arbeitet ich glaube als Direktorin für eine Schule mit 300 Kindern. Sie sagt, ihr Chef sei etwas unzufrieden mit ihr, weil sie zu wenig durchgreift und lieber Sanftmut regieren lässt. Überhaupt ist sie eine sehr liebevolle Person, die mich nach meinen Essensvorlieben befragt und mich gleich am ersten Abend in den Arm nahm, um mir eine gute Nacht zu wünschen. Rachanas Vater arbeitet als Redakteur für mehrere hiesige Zeitungen und kommt abends spät heim. Die Kinder fragen sie, ob sie nicht zu ihnen ziehen möchten, aber sie möchten lieber nützlich sein, der Gesellschaft dienen. Sie sind sehr gebildet und sehr liebenswürdig und leben ohne jeden Schnickschnack. Ich glaube, sie sind sehr glücklich.

Heute war ich in Sarnath, einem Dorf zehn Kilometer von Varanasi entfernt. Mir wurde ein Student zur Seite gestellt, Jackma, den Anurag, Rachanas Bruder kennt. Oh, wie wunderbar war es am Ort von Buddhas Erleuchtung! Man konnte sich in einen Park setzen, für eine volle halbe Stunde und niemand wollte was von uns. Kein Amärmelreissen von armen Bettlerkindern, keine wildgewordenen Händler- come and look!- und keine Blumen, die ich irgendeinem Gott gegen Bezahlung opfern sollte. Ruhige, freundlich dreinblickende und meditierende Mönche, ein kleiner Zoo mit freilaufenden Streifenhörnchen, riesigen Vögeln, Hirschen, Kaninchen, Krokodilen und Schildkröten und Tempeln mit meditierenden goldenen Buddhas. Und das allererstaunlichste: es gab sogar Abfalleimer an diesem wundersamen Ort und am Ende fuhr Jackma mit mir gar in eine Shoppingmall. Nicht, dass ich sowas irgendwann vermisst hätte, aber es wirkte doch alles sehr westlich-beruhigend. Und es soll hier sogar Supermärkte geben, hiess es. Wenn das stimmt und es dort auch wirklich Käse gibt, werde ich für die Familie Kässpatzen machen! Ansonsten habe ich echte Probleme, ein passendes Geschenk zu finden. Hm.

Im Zug hierher traf ich einen Australier, Daniel, der für zwölf Monate eine grosse Weltreise macht. Ich fragte ihn, wie er das finanziert. Er meinte, das sei ganz üblich in Australien, dass man mal ein Jahr Auszeit nähme und mit dem Plan im Kopf realisiert man es einfach und beschliesst auch, dass nichts Schlimmes passieren wird und dann wird auch alles gut. Diese Erfahrung teile ich: wenn man erst einmal den Entschluss gefasst hat, geht sehr vieles sehr viel leichter. Schon nach einem Monat merke ich, wie viel Sicherheit mir all das gibt. Ich glaube, man sollte einfach tun, was einem die Intuition sagt. Und wenn sie einen in die weite Welt schickt, wird das schon seinen guten Grund haben.

Ich habe sehr viele sehr liebe Menschen kennengelernt, viel Hilfe erfahren, Spass gehabt und Gelassenheit gestärkt. Mir bleibt vor allem die Fragen, die mir hier auch gestellt wurden: warum sind so viele Leute im reichen und sicheren Deutschland so unglücklich? Wovor haben wir soviel Angst? Warum sprechen die Leute nicht mehr miteinander und vereinsamen so oft?

Freitag, 28. November 2008

Wellness gegens In die Luft fliegen









Daniela, meine Schweizer Nachbarin, hat es auf den Punkt gebracht: Für eine Reise sind die anderen Reisenden die Familie. Mit ihnen tauscht man sich aus, man hilft sich mit Tipps und Medikamenten weiter, man verarbeitet gemeinsam Erlebnisse. Das sind meist kurze, aber intensive Begegnungen. Die Bomben in Mumbai beschäftigen uns natürlich alle, manche gehen offensiv damit um und reden darüber, andere scheinen es eher zu verdrängen. Manche haben auch die indische Betrachtungsweise angenommen: es kommt, wie es kommt, man kann eh nichts machen. Die meisten schwanken zwischen Sorge und Gelassenheit, zwischen Relativieren der Zahlen (Menschen in Bombay und Tote) und Bedrückung wegen des Ausnahmezustands. Auch sind wir nicht sicher, ob es eine so gute Idee des Präsidenten ist, sich über Bangladesh und Pakistan und feindliche Grenzen in diesem Zusammenhang auszulassen.

Ich war vernünftig und habe meine Halsbrecherverbindung gestern umgebucht und dabei sogar 150 Euro gespart. Mein Flug wäre am 14.12. von Mumbai nach Bangkok gegangen, dort 10 Stunden Aufenthalt, weiter nach Sidney und dann Auckland. Nun fliege ich am 8. von Delhi über Kuala Lumpur. So spare ich mir 27 Stunden Zugfahrt, den dortigen Bahnhof und Flughafen und natürlich auch Bangkok, wo vollständig unklar ist, wie die Dinge weitergehen.

Ansonsten hilft nicht viel ausser sich weiter zu informieren und aufzupassen. Es ist interessant, wie auch eine so bedrohliche Situation zur Normalität für uns hier wird. Man kann nur versuchen, einen klaren Kopf zu behalten. Und so haben wir auch weiter Freude an unserer Zeit hier. Ich habe heute einen kleinen Wohlfühltag eingelegt mit einer fast schon zur Routine gewordenen Yogastunde in der Früh, einer halben Stunde im Pool, den mir ein Holländer im Internetcafe empfohlen hat und der für 80 cent frei zugänglich ist und vor allem einer Massage. Für eine Massage braucht es wiederum ein gewisses Vertrauen in den Masseur, da schien mir mein fröhlicher und freundlicher Yogalehrer sehr geeignet. Zudem hat er seine Physiotherapie, Yoga und ayurvedische Medizin an der Uni studiert und wirkt rundum professionell. So richtig beurteilen kann ich das natürlich nicht mit meinen westlichen Äugelein, die ich jeden Tag mit Spucke reinigen soll. Er hat sich eine Stunde ziemlich verausgabt, an Zehen und Haaren gezogen, mich ordentlich eingeölt und mir damit Freude gemacht, dass er meinte: „You have a good body, not only a beautiful body!“, da ich nicht über irgendwelche Schmerzen klagte und ihm gut trainiert und gesund erschien. So richtig von oben bis unten durchgeknetet zu werden ist ein herrlicher und hier mit zehn Euro erschwinglicher Luxus, den ich mir nur zu gerne gegönnt habe.

Neben der Massage hat er mir Einsicht in seine Lebensauffassung gegeben, die angenehm entspannt ist. Er meint, er glaubt an die Liebe und an nicht viel sonst. Priester und Geschäftsleute seien vom selben Schlag und vor allem hinter Geld her. Es sei wichtig, Mensch, Tier und Natur in ihrer Art bestehen zu lassen. Ich glaube, es geht ihm um Authentizität, um bewusstes Erleben der Gegenwart und um eine gewisse Gelassenheit dem Leben und vor allem dem eigenen Ego gegenüber. Ihm ist das Praktische wichtig, dass man seinen Körper spürt und auf dem Boden bleibt. Ich glaube, verrückte Yogaspinner sind ihm auch suspekt. Ein netter Mensch, von einem ganz Hintergrund, mit einer ganz anderen Kultur, haben wir doch zu einem gewissen Verständnis gefunden.

Ich lerne allerhand Nahrung und Medizin kennen. Tulsi gegen die Erkältung, die ich mir eingefangen habe, Spirulina (Algen) gegen den drohenden Eisen- und Vitaminmangel und Neem gegen Pickel. Was nun wirklich hilft, soll sich zeigen.

Chris ist heute abgefahren, wir haben noch den grossen Krishnatempelhügel erklommen, den Sonnenunterganng genossen und ich habe versucht, ihm zu erklären, was ich unter Philosophie verstehe. Er war ein wenig wie ein alter Freund für mich, seltsamerweise und die Zeit zusammen war locker und interessant. Er steht dem Leben gelassen gegenüber, ist wenig an Geld interessiert und wurschtelt sich wohl auch recht erfolgreich und offen durch. Wir hatten uns pausenlos etwas zu erzählen. Ich verstehe gar nicht, warum andere Leute sagen, das Alleinereisen sei vor allem deshalb langweilig, weil die meisten Gespräche nur um die Fragen gingen, wo man herkommt und wo man hin will. Ich habe mit dem Spanier Daniel über seinen Reisejournalismus gesprochen, mit den Schweizern über Gelassenheit und Freude beim Reisen, mit Marie über Zukunftssorgen und die Dinge, die man auch hier einfach anpacken kann, mit Chris über Kunst und Spiritualität, mit Albert über das Singledasein und mit Kavita über unser halbes Leben. Sie habe ich noch davon abgehalten, bis nach Mumbai zu fahren, ihr Ticket ging gerade am 26. dorthin und ich machte mir ernste Sorgen.

Mit Marie habe ich angefangen, ein Restaurant zu bemalen. Ich habe ein Plakat fabriziert, das andere Touristen zum Mitmalen einladen soll und vielleicht wird der Raum in Bälde ein wenig schöner und bunter aussehen. Sie macht lieber drauflos, ich bin mehr für einen Plan, der Besitzer steht allem vollkommen gleichgültig gegenüber. Dementsprechend ist auch seine Karte ein Potpourri. Seltsam, was hier alles zu funktionieren scheint. Viele Restaurants scheinen kein Konzept zu haben, keine Spezialitäten und einiges grässliches westliches Essen. Ich glaube, mit einem kleinen, aber feinen Restaurant, mit ein wenig Stil eingerichtet und wenigen, aber ausgezeichneten und erschwinglichen, aber nicht billigen Gerichten könnte man hier ein Vermögen machen, wenn man schon mit einem solchen Chaos, wie man es hier überall findet, Geld verdienen kann. So waren wir heute im so genannten Hardrock Cafe, in dem man „sendwitches“ lieber nicht geniessen sollte (lange Zeiten zwischen Bett und Klo sind die von Andreas schmerzlich erfahrene Folge) und in dem man Weichspülindipop hört. Hm.

Das für mich erst zu sehr von Spinnern bevölkerte Pushkar ist mir vertraut geworden. Ich mag die Geschichten: von meinem Hotelbesitzer Bapu, der dem offensichtlich sehr wiefen Jungen Tikam einen Job gegeben hat, damit er neben der Schule Geld für seine schwerkranke Mutter verdienen kann. Und wenn man ein klein wenig in die Richtung läuft, in die die Verrückten nicht gehen, entdeckt man sofort ganz andere Reisende wie David, der hier 16 Monate in einem Haus lebte und doch nie Ruhe hatte, weil dort selbst während er schlief munterer Durchgang herrschte. Privatsphäre gibt es hier genauso wenig wie nächtliche Ruhe und anständige Schokolade.

Den Sonnenuntergang wollte ich in der Wüste anschauen und lief dorthin, verfolgt von einer Kinderschar. Die Buben fragen meist nach meinem Ehemann und versuchen mich dann zu überzeugen, sie zu heiraten und doch zumindest in ihr Haus zu kommen oder ihnen wenigstens ein paar Euromünzen zu schenken. Den Mädchen soll ich Kekse kaufen, manche finden es auch ganz lustig, wenn ich sie durch die Luft wirble. Und alle flippen schier aus, wenn ich sie fotografiere. Auch einem Baby sollte ich Kekse kaufen, meinte seine Mutter Indira. Ich liess mich zu einer Packung Babynahrung breitschlagen und hoffe, das Kind wird auch wirklich damit gefüttert und nicht mit Keksen. Ihr seht sie beide auf dem Photo auf dem Boden sitzend. Es gilt ständig zu entscheiden, wem man die Bedürftigkeit abnehmen mag, wem man ein wenig Geld oder Zuwendung schenken mag und womit man die Lage wirklich ein bisschen besser macht. Insgesamt habe ich das Gefühl, mich nun ganz zufriedenstellend durch all das zu navigieren. Ich gebe nicht viel Geld aus und was ich ausgebe, ist in Ordnung. Einige Lektionen in Gelassenheit, Zuversicht und Umgang mit Menschen hat mich dieses Land gelehrt und mich auf ein paar Proben gestellt. Mal sehen, wie ich die weiteren zehn Tage meistere.